TikTok-kompatibles Arkadien: Wie naiv ist #cottagecore?

Reetdach-Cottage, überwuchert von Rosen und mit Kopfsteinpflaster im Vordergrund. Alles in desaturierten retro-Farben gehalten.
Foto: Unsplash/Annie Spratt

Der Traum von der Landidylle als Social-Media-Ästhetik: Auf TikTok, Instagram und Pinterest heißt das Cottagecore. Ist die Sehnsucht nach Selbstversorgertum bloß trendiger Klick-Garant oder steckt mehr dahinter?

Cottagecore: Was ist das jetzt schon wieder?

Es begann 2018 mit einem Hashtag auf der Blogging-Plattform Tumblr. 2019 dann der Boom auf US-amerikanischen TikTok-Accounts. Instagram und Pinterest kamen rund um die Welt dazu. Und plötzlich war  #cottagecore Pandemie-DIY-Hobby, Thema von NYT-Thinkpieces und “Sommertrend 2020” in deutschen Modemagazinen. Auch 2021 posten Menschen unter dem Hashtag Fotos von Landhäuschen, wie sie Rosamunde-Pilcheriger nicht sein könnten, Sauerteigbrote mit selbstgemachter Marmelade oder sonnendurchflutete Wiesenlandschaften.

Cottagecore ist eine typische Internet-#aesthetic, also ein Konglomerat aus inspirierenden Bildern, Mode, Interieurs und DIY-Projekten, die über Social-Media-Kanäle geteilt werden. Eine Umsetzung im realen Leben der User:innen gehört nicht notwendigerweise dazu. So eine “Ästhetik” ist Subkultur-light, keine ausgeprägte Szene oder Lebenseinstellung.

Quelle: Unsplash/Micheile Henderson
Bücher und Blümchen. Cottagcore-Ästhetik nimmt sich der Hobbies des 19. Jahrhunderts an. Foto: Unsplash/Micheile Henderson

Eskapismus mit Blümchentassen

In den Top-Posts zu #cottagecore auf Instagram gibt es Bilder von Erdbeertörtchen auf rosa Tellern, Tee in Blümchentassen, pittoreske Schwedenhäuschen oder Sandsteinarchitektur aus den englischen Cotswolds. Außerdem Osterlämmer, Mädchen in weißen Kleidern vor grüner oder schneebedeckter Waldkulisse, handgeschöpftes Papier und pastellfarbene Strickmode. Motive, die auch einer englischen Oma gefallen könnten, getränkt von einer amorphen Nostalgie für ein Früher irgendwo zwischen Jane Austen und den 1950er Jahren.

Eine eskapistische Vision, in der sich Lockdown-geplagte User:innen – viele von ihnen Teenager oder Student:innen – in ein Häuschen auf dem Land träumen. Mit echter Landwirtschaft hat diese Auenland-Fantasie herzlich wenig zu tun. Cottagecore propagiert die überhöhte Vorstellung eines analogen, nostalgisch aufgeladenen Lebens, dessen Realität im 19. oder frühen 20. Jahrhundert mit Entbehrungen und harter körperlicher Arbeit verbunden gewesen wäre.

Die Instagram-Cottage steht jedoch in einer heilen Welt, wo Rosen am Gartenzaun duften, selbstgebackenes Brot im Ofen wartet und es keine größeren Probleme gibt als die Auswahl der richtigen Wolle für die Socken, die frau abends vor dem Kaminfeuer strickt. Männer sind in der Cottagecore-Welt übrigens so gut wie gar nicht präsent.

Cottagecore vs. Hygge

Moment mal. Gab es so eskapistische Wohlfühl-Vision nicht gerade erst unter dem Stichwort “Hygge”? Nicht ganz. Während Cottagecore aus der Anglosphäre kommt und das Selbermachen und Selbstversorgen in den Mittelpunkt rückt, geht es beim skandinavischen Hygge eher um ein soziales Konzept von Behaglichkeit, Vertrautheit und Beisammensein: Ein IKEA-Gefühl von “Gemeinsam mit der Familie bei Kerzenschein essen, während es draußen schneit”. 

Im Gegensatz zu Cottagecore, das erst ab 2018 auf den Social-Media-Profilen von Teenagern und jungen Erwachsenen entstand, hat Hygge eine Basis in der skandinavischen Kultur und wird z.B. schon lange für das Tourismus-Marketing verwendet (die Autorin erinnert sich noch an Werbung für “hyggelige” dänische Ferienhäusern aus den frühen 90er Jahren). Nachgewiesen ist die positive Gemütlichkeits-Konnotation des Begriffs schon im 19. Jahrhundert.

Quelle: Unsplash/Sixteen Miles Out
Hygge-Zutaten: Kerzen und Herbst, Foto: Unsplash/Sixteen Miles Out

Vergil, “Walden” und William Morris

So digital und oberflächlich die Cottagecore-Ästhetik auch sein mag, neu sind die Themen nicht, die hier ihren Einfluss finden. Im Traum vom nostalgisch-analogen Selbstversorgertum treffen mehrere Ideen mit langer kultureller Tradition aufeinander.

  1. Einmal ist da die bewusste Fiktion eines idyllischen, einfachen Landlebens. Das Land als idealisierter Sehnsuchtsort, der so nur in der literarischen Produktion von Städter:innen existiert, reicht bis zur Hirtendichtung (Bukolik) der klassische Antike zurück, die erstmals beim Griechen Theokrit in Erscheinung trat. Schon Vergils “Eklogen” stellte einen ländlichen Gegenraum zur Stadt auf, der nicht notwendigerweise der Wirklichkeit entsprach. Verortet war diese lyrische Sehnsuchtsgegend in “Arkadien”. Eigentlich eine von Hirten bewohnte griechische Provinz, stand der Begriff schließlich symbolisch für eine ländliche Idylle, in der die Menschen in Einklang mit der Natur leben. Auch das Comeback der Bukolik, die Schäferdichtung der frühen Neuzeit, spielt in diesem mythischem Arkadien.
  2. Des Weiteren spielen klassische amerikanische Vorstellungen von Selbstversorgertum eine Rolle. So wie der berühmteste Cottage-Bewohner der US-amerikanischen Kulturgeschichte, Henry David Thoreau, der Mitte des 19. Jahrhunderts zwei Jahre alleine in einer Hütte am Walden Pond lebte. Dort versuchte er zu einem “eigentlichen, wirklichen” Leben zu finden und hielt diese Erfahrungen im Buch “Walden” fest. Auch Thoreau war jedoch kein Komplettaussteiger: Seine Cottage lag nur ein paar Kilometer außerhalb von Concord, Massachusetts, er konnte aus dem Wald die Eisenbahn hören und empfing regelmäßig Besucher. Nach zwei Jahren, zwei Monaten und zwei Tagen kehrte Thoreau in die urbane Zivilisation zurück.
  3. Und dann ist da die maximalistische Ästhetik des Cottagecore: Blumenprints, Rüschen, gemusterte Tapeten. Liebe zum Ornament. Eigentlich alles, was im Kontrast zum modernen, skandinavisch geprägten Minimalismus und den cleanen Linien von Mid-Century-Modern-Mobiliar in den Großstädten der Gegenwart steht. Hier scheint eine Anglosphären-spezifische Traditionslinie ihr Comeback zu feiern, nämlich die Designs der “Arts & Craft”-Bewegung des späten 19. Jahrhunderts, gegründet vom Künstler, Dichter und Sozialisten William Morris. Auch Morris’ Reformideen und seine Liebe zum handwerklichen Detail entsprangen einer idealisierten Vision vom anderen Leben: Dem Mittelalter, dessen Handwerkszünfte er als Gegenpol zur entfremdeten Arbeit in den viktorianischen Fabriken interpretierte.
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Landleben mit niedlichen Tieren, aber ohne Mief und Dreck. Foto: Unsplash/Sven Brandsma

Wem gehört das digitale Arkadien?

Menschen, die Bilder ihres hübsch inszenierten Picknicks auf der Waldwiese unter #cottagecore posten, sind sicher nicht automatisch mit Thoreau oder Morris zu vergleichen. Schnelllebige Internet-Hypes kratzen naturgemäß bloß an der Diskurs-Oberfläche – eine 18-Jährige, die heute noch #cottagecore postet, sortiert die Rüschenkleider vielleicht morgen schon aus und begeistert sich für den nächsten Trend.

Mit kritischem Blick auf die Geschlechterrollen offenbart sich zudem eine verniedlichte Form stereotyper weiblicher Hausarbeit. Ständig wird gebacken, gekocht, dekoriert. Ereignisse außerhalb dieses Haushalts-Alltags finden höchstens in Form eines Waldspaziergangs oder eines Picknicks im Grünen statt. In der Cottagecore-Ästhetik ist “Housekeeping” Selbstzweck, eine Kleinmädchenidylle im digitalen Puppenhaus.

Und doch versucht sich Cottagecore gerade in der US-Sphäre durchaus von traditionellen Rollenbildern abzusetzen. Auch wenn das pastell-gefilterte Landleben der Cottagecore-Accounts visuelle Parallelen zu den Social-Media-Inhalten von rechten “Tradwives” und konservativen Mutti-Bloggerinnen aufweist, hat die Ästhetik eine aktive LGBT-Fanbase, besonders unter lesbischen User:innen. Und es gibt Black Cottagecore – schwarze Social-Media-User:innen, die die inhärent weiße Ästhetik mit ihren kolonialen Konnotationen bewusst neu besetzten.

Jede:r kann mitmachen. Schließlich leben die wenigsten Cottagecore-Enthusiast:innen wirklich auf eigener Scholle auf dem Land. Aber Marmelade einkochen, Trockenblumen pressen oder Blümchenkleider aus dem Second-Hand-Laden zu kaufen steht allen Menschen offen, unabhängig von Einkommen, Wohnort und sozialem Hintergrund. Zwar wird auch mit Cottagecore-Mode und -Accessoires Geld verdient, aber letztendlich lebt die Ästhetik von ihrem DIY-Aspekt. Cottagecore ist zwar konsumierbar, aufgrund des DIY- und Selbstversorger:innen-Ethos aber nicht Konsum-zentrisch.

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Pilzesammeln im Wald passt sowohl praktisch als auch ästhetisch zum DIY-Ethos von Cottagecore, Foto: Unsplash/Andrew Ridley

Die Idylle als Coping Mechanism

Betrachtet man die Google-Trends-Ergebnisse für den Begriff Cottagecore, geht die Kurve seit März 2020 sowohl weltweit als auch in Deutschland nach oben. Mit Ausbruch der Corona-Pandemie und den weltweiten Lockdowns gewann die Sehnsucht nach ländlicher Idylle in einer Welt ohne Krankheit und Kontaktbeschränkungen offenbar exponentiell an Attraktivität. Cottagecore sozusagen als elaborierte Version von Lockdown-Hobbies wie Sauerteigbrot-Backen oder Puzzeln.

Trotz aller visuellen Kontraste zum minimalistische Beige und den Fitness-optimierten Körpern “klassischer” Influencer:innen präsentiert auch Cottagecore eine unerreichbare Lebenswelt, die so nur auf TikTok-Videos, Tumblr-Collagen oder Instagram-Posts existieren kann. Die NYT sieht zwischen beiden Ästhetiken allerdings eine Gemeinsamkeit: Perfektionismus im Hinblick auf die Gestaltung der eigenen Lebensumgebung: “dass man durch die Ausübung von Kontrolle über die eigene Lebensumgebung […] Kontrolle über sein eigenes Leben zurückgewinnen kann

In Pandemie-Zeiten, in denen sich viele Menschen angesichts des Virus ohnmächtig und isoliert fühlen, erscheint so ein Wunsch nach einem einfachen, kontrollierbaren Leben durchaus als logische Konsequenz. Und der Traum vom Häuschen auf dem Land und dem Duft von selbstgebackenem Brot vielleicht naiv, aber nachvollziehbar.

Martina

Mag Architektur, Tiere und Internetkultur

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