Von wegen Ratten der Lüfte: Merle rettet Stadttauben in Lüneburg

Mehrere Stadttauben im Sonnenlicht mit glitzerndem Gefieder
Foto: Julia Lenz

Stadttauben sind so ziemlich die einzigen wildlebenden Tiere, die wir auch auf der härtesten Großstadtstraße zu Gesicht bekommen. Sie picken Pommes vom Boden, manchen fehlen Zehen oder ganze Füße, viele finden sie eklig. Doch es gibt Menschen, die sich dafür einsetzen, eine entspannte Koexistenz von Tauben und Städter:innen möglich zu machen. Merle (23) vom Stadttaubenverein Lüneburg ist Teil eines Projektes, das die Tauben „von der Straße“ bringen will.

Die Inspiration kam über YouTube

GIERSCH: Hallo Merle, wir freuen uns, dass du Zeit für uns hast! Erzähl doch mal, wie bist du überhaupt darauf gekommen, dich mit Stadttauben zu beschäftigen?

MERLE: Ich hatte in meinem freiwilligen ökologischen Jahr schon etwas mit Tauben zu tun, da aber eher so “um die Ecke”. Gleichzeitig habe ich aber Tierrettungsvideos auf YouTube geguckt. Unter anderen den Tiernotruf aus Düsseldorf von Stefan Bröckling. Und in den Videos hieß es: “fangt die Tauben doch einfach selber, wenn ihr seht, die haben was um den Fuß und schneidet das ab”. Und dann war ich im Urlaub und habe das einfach mal ausprobiert. Ich habe eine Taube gefangen und ihr mit dem Taschenmesser die Haare vom Fuß geschnitten, die sich darum gewickelt hatten.

GIERSCH: Das geht einfach so? Flattern Tauben nicht weg, wenn man sie einfangen will?

MERLE: Das “Gute” in Anführungszeichen ist, dass Tauben in der Stadt immer hungrig sind und für Essen auch die Nähe des Menschen ertragen. Man streut etwas Futter vor seine Schuhe und wartet, bis die Tauben um einen rum sind. Dann muss man sich nur gut merken, welche man fangen will. Dann greift man einfach zu, am besten mit beiden Händen, und umschließt die Flügel. Da die Tauben merken, dass man ihnen nichts Böses tut, lassen sich ihre Füße dann ziemlich leicht von Haaren oder Schnüren befreien.

Quelle: Merle L.
Erste Hilfe bei verwickelten Füßen: Merle befreit eine Stadttaube von Bandresten.

GIERSCH: Und nach deiner ersten geretteten Taube wolltest du gleich weitermachen?

MERLE: Ja, als ich angefangen habe, hier in Lüneburg zu studieren, habe ich gleich nach einem Stadttaubenverein geguckt – es gab aber keinen. Dafür aber vier engagierte Leute, die sich schon gekümmert haben, aber noch nicht als eingetragener Verein. Mittlerweile sind wir ein eingetragener Verein und auch deutlich mehr als vier Leute. Wir sind jetzt so weit, dass wir zusammen mit der Stadt betreute Taubenschläge aufstellen werden und die Taubenpopulation tierschutzgerecht verkleinern können, indem wir in den Schlägen die Eier gegen Attrappen austauschen. 

Eigentlich sind alle Stadttauben Haustiere

GIERSCH: Wo kommen die ganzen Stadttauben eigentlich her? Die werden ja nicht schon immer unter der Brücke oder auf der S-Bahn-Station genistet haben.
MERLE: Stadttauben stammen von der Felsentaube ab. Wie der Name sagt, brüten und leben die eigentlich nur auf Felsen – und Städte sind ja große Felsen. Und deshalb sind sie in den Städten. Aber auch, weil sie alle Nachkommen von Haustauben sind.

Quelle: Julia Lenz
Taubenschwärme in Lüneburg: Eigentlich sind das alles die Nachkommen von Haustauben.

GIERSCH: Die Schwärme, die man in der Stadt sieht, die stammen alle von Haustieren ab?

MERLE: Ja. Die meisten Stadttauben leben verwildert. Aber man merkt auch daran noch, dass Tauben früher als Nutztiere gehalten wurden, dass sie das ganze Jahr über brüten. Egal, wie der Nahrungszustand ist, solange es noch irgendeine Art von Brutplatz gibt und genügend Futter, dass die Eltern nicht sterben, werden Eier gelegt. Das Einzige, was ein Nahrungsmangel auslöst, ist, dass die Küken sterben.

GIERSCH: Also, wenn die Tauben nicht gefüttert werden, legen sie trotzdem Eier, es geht ihnen bloß schlechter dabei?

MERLE: Ja genau, deshalb ist das Fütterungsverbot in den Städten auch unsinnig und fast schon tierschutzwidrig. Tauben sind reine Körnerfresser und essen normalerweise keine Pommes, Burger oder Kuchenreste. Das tun sie nur, weil sie nichts anderes finden. Und da ist das dann auch das Problem mit dem Kot. Der Hungerkot von Tauben ist so eine Pfütze mit wenig Inhalt, der saurer ist als der normale Kot. Der ist eher so ein Häufchen, das man auch einfacher wegmachen kann. Der ist auch gar nicht ätzend. Die TU Darmstadt hat das zum Beispiel auch schon belegt, dass Taubenkot nur auf bestimmten Lacken und Metallen schädlich ist, zum Beispiel beim Auto. Wenn man den da lange drauf lässt, wird halt der Lack beschädigt.

Stadttauben sind immer hungrig

GIERSCH: Man muss also davon ausgehen, dass alle Tauben, die in der Stadt Pommes oder Eiswaffeln fressen, eigentlich total Hunger haben?

MERLE: Genau. Und wenn die da den ganzen Tag durch die Stadt laufen, verwickeln sich ihre Füße in Haare oder Schnüre von Kleidung oder Müllsäcken. Wenn man Tauben ohne Zehen sieht oder ohne ganze Füße, dann war da mal etwas drum, was sich immer enger und enger um die Füße gewickelt hat, bis der Fuß oder der Zeh abgestorben und einfach abgefallen ist. Das ist sehr schmerzhaft für die Tauben.

GIERSCH: Um das ganze Taubenelend zu stoppen, füttert ihr die Tauben in Lüneburg dank einer Sondererlaubnis an, um sie zum Schlag zu locken. Wenn sie dort brüten, könnt ihr die Eier austauschen und so die Population kontrollieren – könnt ihr schon Ergebnisse vorweisen?

MERLE: [lacht] Also eigentlich noch nicht, denn wir haben noch keine Schläge. Aber wir haben mit der Stadt schon ausgehandelt, wie viel Geld wir zum Bau erhalten. Jetzt wird festgelegt, wo wir ersten Schläge aufstellen. Das Geld ist auch im Haushalt schon vorgesehen, in den kommenden Jahren jeweils immer ein bisschen. 

Quelle: Julia Lenz
Tauben sind standorttreu und monogam.

Erste Hilfe von den Taubensanitäter:innen

GIERSCH: Ihr pflegt ja auch verletzte Tauben gesund…

MERLE: Genau. Tauben, die richtig schlimm verschnürt sind, sodass man sie nicht schnell mal freischneiden kann oder Tauben, die einen Bruch haben, einen offenen Kropf oder sonst irgendeine Verletzung. Die nehmen wir mit oder bringen sie auch direkt zum Tierarzt. 

GIERSCH: Haben es die Stadttauben eigentlich überall so gut, wie in Lüneburg?

MERLE: Stadttaubenvereine gibt es inzwischen in sehr vielen Städten. Teilweise sogar zwei in einer Stadt. Wenn man also eine verletzte Taube findet, sollte man daher immer gucken, ob man da nicht eine Notfallnummer findet. 

GIERSCH: Und die arbeiten alle nach dem gleichen Prinzip wie ihr? Die Tauben anfüttern, um sie von der Straße zu holen?

MERLE: Genau. Das wird das “Augsburger Modell” genannt. Das wurde in Augsburg zuerst eingeführt und sehr erfolgreich betrieben und das haben die anderen Städte übernommen. Frankfurt zum Beispiel macht das auch schon länger. Hannover hat jetzt gerade die ersten zwei Schläge eröffnet.

GIERSCH: Das ist schön zu hören, dass Tauben und Menschen dadurch in der Stadt zusammenleben können, ohne dass eine Partie leiden muss.

Taubenhilfe nach dem Augsburger Modell

MERLE: Genau. Die Tauben müssen nicht mehr leiden und die Menschen nicht mehr genervt sein. Viele Leute, mit denen wir geredet haben, finden es eigentlich gut, dass die Tauben in der Stadt sind. Aber es gibt halt auch immer noch Menschen, die Tauben wirklich hassen. Die haben auch kein Problem damit, die mit dem Regenschirm wegzuhauen oder zu treten – das sind alles Sachen, die ich schon gesehen habe.

GIERSCH: Das nächste Mal, wenn ich draußen eine Stadttaube sehe, werde ich den armen Vogel auf jeden Fall mit ganz anderen Augen betrachten!

MERLE: Wenn man erstmal in dieses “Loch” reinfällt, dann kann man auch nicht mehr so entspannt durch die Stadt gehen, muss ich ganz ehrlich sagen. Weil man bei jeder Taube auf die Füße guckt oder prüft, ob die irgendwo geplustert sitzt. Das ist eigentlich auch ein ganz guter Tipp. Wenn eine Taube auf dem Boden sitzt und sich nicht wegbewegt, obwohl da die Menschen drum herumlaufen, dann braucht die Hilfe. 

Kranke Taube gefunden? Das könnt ihr tun

GIERSCH: Wenn man so eine Taube sieht, ruft man euch an?

MERLE: Das Problem für die Notfallnummern ist oft, dass jemand anruft und sagt “Ich habe da eine verletzte Taube gesehen, bin dann aber weggegangen” Und dann kommt man dahin und die Taube ist weg oder tot. Das ist natürlich doof, weil wir das ehrenamtlich machen und extra Zeit aus unserem Tag herausnehmen. Und traurig, weil man dem Tier natürlich helfen wollte.

GIERSCH: Was sollte man also stattdessen tun?

MERLE: Also als erstes keine Angst haben, die Taube anzufassen. Wenn man es nicht mit bloßen Händen machen möchte, kann man einen Schal nehmen. Oder, wenn man einen Jutebeutel dabei hat, die Taube da auch einfach reinstecken. Solange da noch ein bisschen Luft reinkommt, ist das absolut gar kein Problem. Wenn Tauben nichts sehen ist das wie bei den meisten Vögeln – sie denken “erstmal Ruhe bewahren und gucken was passiert”. Ist die Taube gesichert, einfach googeln ob es eine Notfallnummer gibt, die man anrufen kann. 

GIERSCH: Angenommen ich habe eine Taube aufgesammelt und bei euch angerufen und warte jetzt in der Wohnung, dass jemand von euch vorbeikommt – Wo lasse ich die Taube dann solange? Einfach im Beutel?

MERLE: Ja, oder in einen Karton tun der groß genug ist – Kartons sind eigentlich immer das beste Transportmittel für eine Taube. Wenn dann jemand vom Taubenverein kommt, hat der oder die auch eine Transportbox oder einen Karton dabei.

GIERSCH: Und wenn ich mit meiner geretteten Taube auf euch warte, soll ich versuchen, sie zu füttern? Wasserschälchen hinstellen? Haferflocken oder sowas geben? Oder lieber ganz in Ruhe lassen?

MERLE: Wenn die Taube verletzt ist und blutet am besten gar nichts geben, kein Wasser, kein Essen nichts. Ist die Taube nur ein bisschen benommen oder geschwächt oder hat etwas am Fuß, kann man ihr eine kleine Schale Wasser hinstellen. Aber nichts, was so groß ist, dass sie da reinfallen könnte. Und keine Haferflocken, weil die im Kropf aufquellen können. Lieber Sonnenblumenkerne, das lieben Tauben. Leinsamen essen sie auch. Ansonsten aber einfach in Ruhe lassen – meistens brauchen die Ehrenamtlichen auch gar nicht so lange, um die Taube abzuholen.

GIERSCH: Wie kann man euch denn sonst noch konkret helfen? Also außer verletzte Tauben von der Straße zu sammeln?
MERLE: Das wichtigste für uns ist natürlich Geld. Wir haben nicht nur die Tierarztkosten, sondern auch die Futterkosten von den Lock-Aktionen zu den Schlägen zu decken. Und was uns auch hilft: Lobby für die Stadttauben zu machen. Einfach erklären: Hey, das ist kein dreckiges Tier, die übertragen keine Krankheiten, die brauchen unsere Hilfe. Es gibt auch einen Hashtag vom deutschen Tierschutzbund: #RespektTaube!

Quelle: Julia Lenz
Des Rätsels Lösung: So sehen Babytauben aus.

Das Rätsel um die Babytauben

GIERSCH: Zum Schluss kannst du vielleicht noch ein Mysterium aufklären, zu dem es auch ganz viele Google-Anfragen gibt: Wie sehen eigentlich Taubenküken aus? Und warum sieht man zwar Hunderte Tauben in der Stadt, aber nie deren Junge?

MERLE: Ich habe auch ganz lange keine gesehen, muss ich ganz ehrlich sagen. Dass man keine Babytauben sieht, liegt einfach daran, dass die Tauben solange im Nest bleiben, bis sie fertig befiedert sind und fliegen können. Und dann sehen sie für den normalen Menschen genauso aus wie jede andere Taube in der Stadt. Ein paar leichte Unterschiede gibt es trotzdem. Junge Tauben schillern am Hals noch nicht, das kommt erst, wenn sie geschlechtsreif sind. Und sie sind noch ein bisschen grauer: Die Beine sind noch nicht rot, die Augen noch nicht orange. Aber wenn sie noch so ein gelb geflauschter Blob sind [lacht] dann sieht man die eigentlich nie. 

GIERSCH: Wunderbar! Merle, vielen Dank für das tolle Gespräch!

Hier erfahrt ihr mehr über den Stadttaubenverein Lüneburg: https://www.stadttauben-lueneburg.de

Martina

Mag Architektur, Tiere und Internetkultur

2 Kommentare

  1. Großartig, Eure Arbeit! Habe einen Beitrag im TV über eine Taubenhelferin in Köln gesehen, die ebenso vorgeht wie Ihr, und ich war sehr beeindruckt und froh, dass es Menschen gibt, die sich so für von vielen zu Unrecht verachtete Tiere einsetzen! Im Gegensatz zu so manchen Menschen gibt es keinen Grund, eine Tierart zu verachten.
    Ich hasse Taubenhasser, ( die zumeist noch nicht mal die verschiedenen Arten unterscheiden können )

    1. Oh, das freut uns sehr! Ich habe beim Führen des Interviews auch viel über Stadttauben gelernt und sehe die jetzt mit ganz anderen Augen.

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