Ausstellung „Einfach Grün“: Der neue grüne Standard

Pflanzen und Bäume im Stadtbild sind nicht nur ökologisch wertvoll und ästhetisch ansprechend, sondern sie wirken sich auch wohltuend auf die Psyche aus – gerade in Zeiten von Corona ein willkommener Nebeneffekt. Die Ausstellung „Einfach Grün – Urban Greening“ im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt (DAM) zeigt das Potenzial städtischer Begrünung. 

„Urban Greening“ lautet das Stichwort, wenn es darum geht, mehr Farbe –  vornehmlich grüne – in Form von Pflanzen und Bäumen im städtischen Raum zu etablieren. Alleen und Parks sind die grüne Lunge einer Stadt und bieten immer wieder Anlass zum Durchatmen. Doch wer in der Stadt lebt oder arbeitet, der weiß, dass es von diesen Oasen meist viel zu wenige gibt und sich daran wohl auch in Zukunft nichts radikal ändern wird. Immer mehr Menschen zieht es in die Stadt und die Nachfrage nach mehr Wohnraum steigt. Für bodengebundene Grünflächen bleibt da kaum mehr Platz.

Höchste Zeit also sich nach oben zu orientieren. Gefragt sind Einfallsreichtum und Erfindungsgeist von der die Ausstellung „Einfach Grün – Urban Greening“ noch bis zum 11. Juli in konzentrierter Form einen Eindruck vermittelt. „Gelungene Grünbauten von Düsseldorf über Mailand bis Singapore“ versprechen die Veranstalter:innen und rahmen die Begrünung urbanen Raums als ein globales Phänomen, das die Stadtplanung und die Architektur mehr und mehr beschäftigt. Unter der Rubrik ‚Best Practice‘ stellen sie ‚green prints‘ vor, die nicht nur von einem ökologischen Gesichtspunkt Vorbildcharakter für die Architekturszene haben, sondern auch ästhetisch Maßstäbe setzen.

Vertical Forests: „Edelforst für Besserverdiener“?

Das wohl einschlägigste Beispiel in dieser Reihe ist der „Vertical Forest“ des italienischen Architekten Stefano Boeri. Ziel war es, urbanen Raum möglichst effektiv zu nutzen und die Biodiversität in Mailand zu verbessern. Mehr als 900 Bäume und 2000 Pflanzen wurden auf den Balkonen und Terrassen der Bewohnerinnen und Bewohnern gepflanzt, die Vögeln, Insekten und anderen kleinen Tieren einen Lebensraum bieten und verkehrsbedingten Feinstaub reduzieren. Außerdem erweist sich die durchscheinende grüne Wand vor der eigenen Haustür als Lärmschutz und willkommener Schattenspender an heißen Tagen. 

Allerdings gibt es auch Kritik, was den teils enormen Kosten- und Materialaufwand während des Baus und darüber hinaus betrifft. Die Sträucher und Bäume mussten extra gezüchtet und windkanalgetestet werden, damit sie der Witterung in luftigen Höhen auch standhalten. Und bis alle Bäume, von Kränen hochgehievt, schließlich an ihrem vorgesehen Platz waren, hat es auch nochmal ein Jahr gedauert. Vor allem mit Blick auf die Extrakosten von 1500 €, die aus der Pflege und Instandhaltung des Grünbestands entstehen, spricht Harald Willlenbrock in brandeins von einem „Edelforst für Besserverdiener“.

Doch trotz aller berechtigten Kritik sollte der Pull-Faktor solcher Leuchtturm-Projekte nicht vernachlässigt werden. Sie geben die Richtung vor und kreieren ein Image von der Stadt, an dem sich der reale Städtebau zu messen hat. Insofern sind wahrgewordene Utopien wie der Bosco Verticale, so der Original-Name des Vertical Forest, der Kö Bogen II in Düsseldorf oder das Hotel Oasia in Singapur Symbole für die Stadt der Zukunft, in der die Natur wieder ganz selbstverständlich Einzug gehalten hat. 

„Urban Greening“ vor der eigenen Haustür

Neben solchen ambitionierten Vorzeige-Projekten gibt die Ausstellung auch einen Eindruck davon, wie „Urban Greening“ vor der eigenen Haustür oder besser: auf dem eigenen Dach umgesetzt werden kann. Denn besonders Dächer bieten eine Menge Potenzial für umfangreiche Begrünung und eine Erhöhung der Biodiversität in Städten. „Wir haben im Rhein-Main-Gebiet und anderen urbanen Ballungsräumen riesige Dachflächen, die eigentlich brach liegen“, erklärt Thomas Moos vom Forschungsteam „Lebendige Dächer“, ein Projekt des Botanischen Garten in Frankfurt. Über seinen YouTube-Kanal stellt das Museum eine ganze Reihe an Projekten vor, die sich mit der Verbesserung des Stadtklimas beschäftigen.  

Überhaupt wird dem Mitmach-Charakter von den VeranstalterInnen eine große Bedeutung beigemessen, denn es bedarf der Bereitschaft in der zivilen Bevölkerung, um einen Wandel in Richtung naturnaher Städte zu bewirken. Ein Call for Projects ruft zum Einreichen von Projekten auf, wobei die besten und überzeugendsten Einreichungen in der Ausstellung gezeigt werden. Laut Hildegard Strobl, der Kuratorin von „Einfach Grün“, sind sie Beispiele für individuelle Begrünungs-Projekte, sie sollen zum Nachmachen animieren oder Inspiration für eigene Projekte sein. 

Wer dem Thema trotz allem noch skeptisch gegenübersteht, der kann sich gleich zu Beginn der Ausstellung ausgiebig über das Thema Stadtbegrünung informieren. Dargestellt wird anhand von Info-Tafeln, welchen realen Effekt die verstärkte Begrünung auf das Klima der Stadt hat oder was die Maßnahmen zur Anpassung an zunehmende Extremwettereignisse leisten. 

Die Ausstellung „Einfach Grün: Greening the City“ läuft noch bis 11. Juli 2021 im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main.

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