Fungi Fun Facts: 8 abgefahrene Fakten über Pilze

Ein Fliegenpilz wächst auf einer mit Herbstlaub bedeckten Wiese
Foto: Martina John

Champignons in der Pfanne, giftige Fliegenpilze im Wald oder nervige Schimmelpilze an der Wand – in diesen Formen hatte sicher jede:r schon Kontakt mit dem Fungi-Kosmos. Doch das kratzt nur an der Oberfläche, denn wusstet ihr, dass Pilze Zombies erzeugen, Bäume miteinander sprechen lassen und vielleicht sogar die Welt retten können?

1. Der größte Teil eines Pilzes ist unsichtbar

Das, was man gemeinhin unter einem Pilz versteht, also die typische Hütchenform eines Stein- oder Fliegenpilzes, ist nur der Fruchtkörper. Er verteilt die Sporen, über die sich der Pilz fortpflanzt. Der größere Teil des Pilz-Organismus liegt unter der Erde verborgen: das sogenannte „Myzel“ oder „Myzelium“, ein Netzgewebe aus „Hyphen“ mikroskopisch kleiner, fadenähnliche Strukturen.

2. Der größte lebende Organismus der Welt ist ein Pilz

Dieses unterirdische Myzel kann gigantische Ausmaße annehmen – so wie beim Dunklen Hallimasch (Armillaria ostoyae), der im Malheur National Forest in Oregon wächst. Das Myzel dieses Pilzes erstreckt sich über neun Quadratkilometer, was ihn seit seiner Entdeckung im Jahr 2000 zum größten lebenden Organismus der Erde macht.

Quelle: Martina John
Pilze gibt es natürlich auch im niedlichen Miniaturformat – so wie hier auf dem sich zersetzenden Holz eines alten Zaunpfahls.

3. Pilze sind weder Tiere noch Pflanzen

Auf den ersten Blick mögen Pilze zwar pflanzenartig aussehen, sie werden aber als eine eigene Form der Lebewesen klassifiziert. In der Domäne der Lebewesen mit Zellkern (Eukaryoten) unterscheiden Wissenschaftler:innen zwischen den Reichen der Tiere (Animalia), Pflanzen (Plantae) und Pilzen (Fungi).

Es heißt sogar, dass sich Pilze mehr Eigenschaften mit Tieren und Menschen teilen als mit Pflanzen. Wie wir müssen sie fremde Biomasse zu sich nehmen, also essen, sie können nicht wie Pflanzen Energie aus Sonnenlicht gewinnen.

4. Über das Pilz-Internet kommunizieren Bäume miteinander

Wer im Wald oder Park Pilze sammelt, erkennt schnell, dass einige Arten stets in Verbindung mit bestimmten Bäumen auftreten, Diese Mykorrhiza-Pilze leben in Symbiose mit den Bäumen – sie docken ihre Myzel an die Wurzeln an und erhalten darüber Kohlenhydrate in Form von Zucker. Im Gegenzug helfen sie ihren Baumpartnern, Nährstoffe aus der Erde zu ziehen.

Aber damit nicht genug – über das Pilzgeflecht können Bäume auch miteinander kommunizieren. Mykolog:innen wie der Pilzexperte Paul Stamets vergleichen dieses Netzwerk sogar mit dem Internet der Menschen. Bäume können sich über dieses Netz wohl tatsächlich gegenseitig Nährstoffe zukommen lassen oder sich vor Gefahren wie Parasiten warnen.

Quelle: Martina John
Pilz + Alge = Flechte. Dieses Dreamteam kann die wildesten Formen annehmen wie hier bei diesen Trompetenflechten.

5. Flechten sind Doppelwesen aus Pilzen und Algen

An Baumstämmen auf Mauern oder Felsen habt ihr sicher auch schon einmal Flechten gesehen: texturierte Belege, die an buntes, struppiges Moos erinnern. Auch Flechten sind keine Pflanzen – aber auch keine richtigen Pilze.

Um diese Strukturen zu erschaffen, gehen bestimmte Pilzarten Symbiosen mit Grünalgen ein. Die pflanzlichen Algen betreiben Photosynthese und geben den Pilzen dadurch Nahrung, die Pilze schützen ihre symbiotischen Partner vor schädlichen Umwelteinflüssen wie starken Sonnenstrahlen. Gemeinsam können sie an den unwirtlichsten Orten wie steilen Felshängen oder in der arktischen Tundra existieren. Flechten gehören zu den wenigen Organismen, die selbst im All überleben können.

6. Pilze können Insekten in Zombies verwandeln

Einem größeren Publikum wurde dieser parasitäre Pilz über David Attenboroughs „Planet Earth“-Doku bekannt – Ophiocordyceps unilateralis übernimmt die Kontrolle über die Körper bestimmter tropischer Ameisenarten. Gelangen die Hyphen des Pilzes ins Gehirn der Ameise, zeigt diese komplett fremdbestimmte Verhaltensweisen. Der Pilz bringt sie dazu, an Bäumen oder Sträuchern nach oben zu klettern und sich an Blättern oder anderen für den Pilz günstigen Stellen festzubeißen. Dann birst der Fruchtkörper des Pilzes aus dem Kopf der Ameise, sodass das Tier stirbt und der Pilz seine Sporen optimal verbreiten kann, um andere Ameisen zu erreichen.

Gruselig? Es geht noch schlimmer. Ein anderer Pilz – Massospora cicadina – befällt eine Zikadenart, die ebenso zombieartig fremdgesteuert wird. Hier frisst der Fungus den Hinterleib der Insekten und ersetzt sie durch ein Stück Pilzmaterial. Aufgeputscht durch ein von dem Fungus produzierten Amphetamin, fliegen die verstümmelten Zikaden dann trotzdem durch die Luft und versuchen, sich mit Artgenossen zu paaren, sodass sie den Pilz immer weiter tragen.

7. Es gibt einen Pilz, der Plastik verdauen kann

Andere, noch wenig erforschte Pilzarten, zeigen dagegen Eigenschaften, die uns Menschen helfen könnten, eines der großen Probleme des Planeten in den Griff zu bekommen: die zunehmende Vermüllung durch Plastikabfälle. Der Fungus Pestalotiopsis microspora aus dem ecuadorianischen Dschungel ist in der Lage den Kunststoff Polyurethan zu zersetzen. Am Potenzial des Pilzes wird in Ecuador und in den USA derzeit fleißig geforscht, von der Rettung der Welt vor der Plastikflut sind die Ergebnisse derzeit allerdings leider noch ein Stück entfernt.

8. Aus Pilzen lässt sich nachhaltiges Baumaterial herstellen

Viel weiter sind Forschung und Industrie dagegen schon, wenn es darum geht, Pilzgewebe als Rohstoffe für eine Vielzahl von Alltagszwecken einzusetzen. Aus schnellwachsenden Myzelium gewonnene Substanzen sollen eines Tages Beton oder Styropor ersetzen können und so Rohstoffe und CO2 einsparen.

Dafür kann unter anderem der Pilz Ganoderma lucidum eingesetzt werden, dessen Sporen vermischt mit Holzspänen binnen kurzer Zeit zu einer schwammartigen Substanz heranwachsen. Diese kann getrocknet und dann zu verschiedensten Bauzwecken verwendet werden.

Geforscht wird an diesem Thema unter anderem am KIT in Karlsruhe, der ETH Zürich und an der TU Berlin. Der aus Pilzmaterial konstruierte MycoTree zeigte 2017 bei der Seoul Biennale of Architecture and Urbanism 2017 eindrucksvoll, was mit Pilzmaterial bereits möglich ist.

Noch nicht genug Pilz-Content? Hier geht es tiefer ins Myzelium:

  • Merlin Sheldrakes Bestseller „Entangled Life“ (auf deutsch erschienen unter dem Titel „Verwobenes Leben“) gibt einen ausführlichen, wissenschaftlich detailliert recherchierten Einblick in die weirde Welt der Fungi.
  • Paul Stamets TED-Talk von 2008 über das visionäre und ökologische Potential von Pilzen

Martina

Mag Architektur, Tiere und Internetkultur

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.