Ausstellung “hart”: Eine dystopische Harzreise mit Janusz Beck

Schwarz-Weiss-Aufnahme von Felsen, die am Abhang eines Berges stehen.
Foto: Janusz Beck

Ein Sehnsuchtsort auf dem Seziertisch: In seiner Ausstellung “hart” zeichnet der Fotograf und Künstler Janusz Beck ein düsteres Bild vom Harz. Keine Einhörner streifen durch dichte Wälder. Keine Reisende genießen die saubere Bergluft. Statt dessen Endzeitstimmung in Schwarz-Weiß. Im Interview erzählt der Künstler, warum es wichtig ist, die Region zu entzaubern, und warum seine Perspektive auf den Harz gar nicht so hoffnungslos ist, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. 

“hart” ist zu sehen in HAMBURG, vom 02. bis zum 05.06.2022 im Studio 45, und in WIESBADEN, vom 13. bis zum 28.08.2022 auf den Wiesbadener Fototagen.

Ein Wald aus braunen Mythen

GIERSCH: Deine neue Arbeit verfolgt das Ziel, mit den zahlreichen Mythen rund um den Harz aufzuräumen. Stattdessen willst du den gegenwärtigen Zustand der Region und seiner Gesellschaft protokollieren. Warum ist dir das wichtig?

JANUSZ: Die meisten kennen den Harz als Gebiet, in dem man Urlaub machen und vielleicht ein bisschen Ski fahren kann. In meinen Augen ist der Harz mehr als das – eine Miniatur unserer Gesellschaft, Deutschland im Kleinen. In der Region kommen so viele Geschichten und Mythen zusammen. Das macht es für mich spannend, mich mit dem Harz zu beschäftigen. 

GIERSCH: Einige der sagenumwobenen Figuren des Harzes, z.B. Barbarossa, waren schon in den 1920er Jahren Idole der Nazis. Geht heute noch eine Gefahr von diesen Mythen aus?

JANUSZ: Auf jeden Fall. Es gibt aktuell eine starke Neue Rechte, die sehr aktiv ist und sich auf diese Mythen bezieht. Sie versucht so zu tun, als seien die Mythen schon immer Teil des Deutschseins gewesen und hätten nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun. Diese Verharmlosung ist eins der Themen, die ich mit meiner Arbeit benennen wollte. Ich wollte zeigen, dass es eine stringente Linie zwischen den früheren Nationalbewegungen, dem Kaiserreich, dem Nationalsozialismus und der aktuellen Neuen Rechten gibt. Dass die deutsche Rechte sich schon lange und immer noch am mythologischen Fundus des Harzes bedient.

GIERSCH: Ich kann mir vorstellen, dass junge Menschen mit den Mythen von Barbarossa und Odin nicht viel anfangen können. Die Geschichten vielleicht gar nicht kennen. Wenn von den Mythen potenziell eine Gefahr ausgeht: Ist es dann richtig, sie wieder ans Tageslicht zu holen und sich erneut damit zu befassen?

JANUSZ: Ich denke schon. Selbst wenn man sich nicht aktiv für diese Mythen interessiert, kommt man nicht an ihnen vorbei. Zum Beispiel wird ja oft von den Germanen gesprochen. Das führt dazu, dass viele Menschen glauben, dass es die Germanen tatsächlich gab – obwohl das gar nicht stimmt. Die falschen Geschichten brennen sich in das Unterbewusstsein der Menschen ein. In meiner Serie geht es auch darum, diese Lügen aufzudecken. Wenn man so will, geht es also auch um Fake News. 

Der Harz als Spiegel der Gesellschaft

GIERSCH: In deiner Projektbeschreibung schreibst du, du willst den gegenwärtigen Zustand der Region und seiner Gesellschaft protokollieren. Allerdings sind auf deinen Bildern und Exponaten fast keine Menschen zu sehen. 

JANUSZ: Das ist auch nicht notwendig. Wie eine Gesellschaft verfasst ist, kann man auch daran ablesen, wie eine Landschaft geformt und genutzt wird. Dazu muss ich sagen: Ich benutze den Begriff der Landschaft sehr weit. Er schließt ökologische, ökonomische und soziokulturelle Kontexte mit ein. Landschaft ist für mich nicht nur Natur, oder Wald oder Bäume, sondern auch alles, was darin lebt. Selbst wenn man es auf den ersten Blick nicht sieht, sondern nur die Spuren davon. 

GIERSCH: Also spielt der Kontext in deiner Arbeit eine große Rolle?

JANUSZ: Unbedingt. Jedes Bild ist kontextualisiert. Das kann man auch in der Ausstellung sehen. Jedes Bild ist durch die Angabe, wann und wo es aufgenommen wurde konkret verortbar. Auf der anderen Seite sollen die Bilder auch allgemeingültige Aussagen treffen. Das Gezeigte könnte sich nicht nur an dem einen Ort befinden, an dem es aufgenommen wurde, sondern auch an Orten mit ähnlichen Bedingungen. 

GIERSCH: Deine Arbeit richtet sich explizit gegen die Mystifikation des Harz. Gleichzeitig wirken viele deiner Bilder mystisch und märchenhaft. Was steckt dahinter?

JANUSZ: Was ich an der Fotografie spannend finde, ist, dass man eigene Welten erschaffen kann. Wenn ich Motive auswähle, fotografiere und eine Serie zusammenstelle, möchte ich ein Gefühl vermitteln. Mein Gefühl zu Deutschland und zum Harz ist einfach sehr düster. Deshalb habe ich den Harz auch düster fotografiert.

Post-industrielle Relikte

GIERSCH: Verrottende Industrieanlagen und verlassene Lokale: Auf mich wirken viele der gezeigten Exponate endzeitlich. 

JANUSZ: Das ist nunmal der Punkt, an dem viele Orte des Harzes stehen. Genau wie alle anderen strukturschwachen Regionen in Deutschland. Besonders schlecht sieht es in dem Teil aus, der früher zur DDR gehört hat: in Sachsen-Anhalt. Ob Ost oder West – die ganze Region ist von Tourismus und Bergbau geprägt gewesen. Allerdings waren im Osten die Betriebe auf staatliche Subventionen angewiesen, auch die touristischen. Der Tourismus bestand entweder aus Ferienheimen des FDGB, also des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, oder aus Ferienhäusern von volkseigenen Betrieben. Nach der Wende wurde der FDGB aufgelöst und ein Großteil der Betriebe hat aus wirtschaftlichen Gründen zugemacht. Es gab einen riesigen Einbruch. Ich fahre schon lange in den Harz und kann mich gut an die Jahre nach der Wende erinnern. Es war alles sehr skurril und tot dort. Heute sieht es auch nicht viel besser aus. So viele junge Menschen sind zum Arbeiten weg gegangen. Und die, die doch geblieben sind, müssen weit pendeln.

Was kommt nach dem Waldsterben?

GIERSCH: OK, wirtschaftlich könnte es dem Harz besser gehen. Immerhin bleibt der Region noch ihre wunderschöne Natur, oder?

JANUSZ: Leider nicht, denn die Wälder sterben ab. Das hat einerseits mit dem Klimawandel zu tun, andererseits mit jahrzehntelanger, falscher Forstwirtschaft. Lange Zeit wurde in ganz Deutschland nur darauf geachtet, dass die Bäume, die gepflanzt wurden, schnell wachsen. So kommt es, dass im Harz vor allem Fichten stehen. Dabei sind Fichten eine Baumart, die von Natur aus eher in höheren Lagen vorkommen. In tieferen Lagen sind die Bäume anfällig für Krankheiten – vor allem jetzt, wo das Klima sich wandelt. Die Erde wird trockener, es gibt nicht mehr so viel Regen, der Borkenkäfer breitet sich aus und macht die Wälder kaputt. Zunehmende Stürme tun dann ihr Übriges. Das ist übrigens nicht nur im Harz so, sondern in allen deutschen Wäldern: Im Teutoburger Wald, im Erzgebirge und im Sauerland; überall gehen die Wälder zugrunde.

Das hört sich jetzt sehr apokalyptisch an. Auf der einen Seite ist es das. Auf der anderen ist das Waldsterben aber durchaus ein guter Prozess. Es kommt ganz darauf an, was man daraus macht. Auf dem Brocken zum Beispiel, im Naturschutzgebiet, werden die sterbenden Wälder der Natur überlassen. Dadurch können sich dort mittel- und langfristig Laubbäume ausbreiten. Eine Baumpopulation, die einmal die natürliche Bewaldung des Harzes war. 

Die Frage ist, was in den tieferen Lagen geschieht, wo der Wald privatwirtschaftlich betrieben wird. Werden die Fehler der Vergangenheit wiederholt? Wird wieder das gemacht, was schnell geht und schnell Geld gibt? Oder wird versucht, eine nachhaltige Forstwirtschaft zu betreiben?

Zukunft für den Harz

GIERSCH: Das klingt schon fast hoffnungsvoll.

JANUSZ: Ist es auch. Historisch betrachtet ist der Harz nicht das erste Mal in dieser Situation. Die Region war um 1800 schon einmal fast baumleer. Damals wurden viele Bäume abgeholzt, weil das Holz zum Abstützen der Bergstollen oder zum Herstellen von Holzkohle gebraucht wurde. Die Kohle wurde zum Schmelzen von Erz gebraucht. Zu der Zeit gab es auch eine große Borkenkäferpopulation. Die hat dem Wald den Rest gegeben. Das ist vielleicht keine schöne Geschichte, aber sie zeigt, dass sich ein Ökosystem wie der Harz regenerieren kann.

GIERSCH: Das düstere Bild vom Harz hast du vermittelt. Sollte man trotzdem in den Harz reisen? Wer sollte in den Harz reisen, und warum?

JANUSZ: Jeder sollte in den Harz reisen. Es ist einfach eine wahnsinnig schöne Gegend. Eine wunderschöne Märchenlandschaft. Das richtige Ziel für alle, die gerne in die Natur fahren. Naja, wenn man gerne säuft und Schlager singt, sollte man vielleicht doch nicht in den Harz fahren.

GIERSCH: Also ist dein persönliches Bild vom Harz facettenreicher und freundlicher, als es deine Arbeit vermuten lässt?

JANUSZ: Es ist zwiespältig. Das Wissen um die Abgründe ist trotzdem da, auch wenn man Urlaub macht. Aber das ist ja überall so.

Eine alte Schwarz-Weiss-Postkarte, auf der Felsen und bewaldete Berge abgebildet sind. An den oberen Rand hat jemand mit grünem Stift „Martina ist leider seit vorgestern krank“ geschrieben.Quelle: Janusz Beck
„Martina ist leider seit vorgestern krank“ Bad Harzburg Rabenklippe und Brocken, Cramers Kunstanstalt K.-G., Postkarte
Schwarz-Weiss-Aufnahme von dicht stehenden Fichtenbäumen mit kahlen Zweigen.Quelle: Janusz Beck

Fichtenwald, Breitenstein, 2021
Schwarz-Weiss-Aufnahme von einer alten Industriehalle aus Betonplatten.Quelle: Janusz Beck
Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, Breitenstein, 2021
Gepresste Pflanze mit blauer Blüte und sechs Blättern.Quelle: Janusz Beck
Wiesenklee, Breitenstein, 2021
Schwarz-Weiss-Aufnahme von einem Grabstein, in Kreuzform, im Schnee mit der Inschrift „Unbekanter Russe“.Quelle: Janusz Beck
Grabstein für sowjetische Kriegsgefangenen, Ehrenfriedhof Oderbrück, 2022
Schwarz-Weiss-Aufnahme von einem nebelverhangenen Stausee mit Bergen an den UfernQuelle: Janusz Beck
Oderstausee, Bad Lauterberg, 2022
Alte Schwarz-Weiss-Postkarte mit einem Wasserfall.Quelle: Janusz Beck
Radau-Wasserfall, Heinr. Pages, Bad Harzburg, Postkarte
Waldung, Braunlage, 2022Quelle: Janusz Beck
Waldung, Braunlage, 2022.
Schwarz-Weiss-Aufnahme von einem verwitterten Felsen.Quelle: Janusz Beck
Teufelsmauer, Weddersleben, 2022
Schwarz-Weiss-Aufnahme von einer Kapelle ,die zwischen Bäumen auf dem Gipfel eines Berges steht.Quelle: Janusz Beck
Köthener Hütte, Alexisbad, 2022
Schwarz-Weiss-Aufnahme von umgefallenen Bäumen, die mit Schnee bedeckt sind.Quelle: Janusz Beck
Waldschaden, Hochharz, 2022

Über Janusz Beck

Janusz Beck (*1983) setzt sich in seinen fotografischen Arbeiten mit der Dokumentation von soziokulturellen, politischen und architektonischen Kontexten im ländlichen und (sub-)urbanen Raum auseinander. Hierbei lenkt er sein Augenmerk auf die Erfassung einer spröden, oftmals melancholischen Schönheit des Profanen und Alltäglichen.

Janusz Beck absolvierte eine handwerkliche Fotografenausbildung und studierte in Hamburg Fotografie. Seine Arbeiten werden deutschlandweit ausgestellt und europaweit in diversen Print- und Onlinemedien veröffentlicht. Janusz Beck lebt und arbeitet in Hamburg.

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