Was sind Liminal Spaces? Von der Magie der Schwellenräume

Eine blau erleuchtete leere Halle mit Säulen und Architektur im Stil der 70er Jahre
Foto: Martina John

Was sind das für Orte, an denen sich die Welt irgendwie seltsam anfühlt? Verlassene Bahnsteige, Schulkorridore nach Unterrichtsschluss – irgendwo zwischen Soziologie, Kulturtheorie und Internet-Meme hat sich für solche Orte der Begriff „liminal spaces“ eingebürgert. Wir unternehmen eine Expedition durch die Schwellenräume und versuchen zu erklären, was dort mit unserer Wahrnehmung passiert.

Räume, in denen sich die Realität auflöst

Der Begriff „liminal space“ bzw. „liminaler Raum“ mag neu sein, die besondere Atmosphäre, die an so einem Ort herrscht, dürften aber viele kennen. Liminal Spaces sind Räume, in denen sich die Realität anders anfühlt. Orte, die sonst voller Menschen sind und die man plötzlich still und verlassen erlebt. Orte, an denen Architektur eine seltsame, traumartige Atmosphäre kreiert, wo Lichtverhältnisse herrschen, die einen an einen surrealen Film denken lassen.

So wird der Begriff zumindest heutzutage popkulturell verstanden. Und so sehen auch die Bilder aus, die bei einer Google-Suche nach „liminal space“ in den Suchergebnissen auftauchen. Verlassene Räume und Stadtlandschaften, die irgendwie „off“ wirken, die auch gerne als Stilmittel in Horrorfilmen oder Computerspielen eingesetzt werden.

Interessant ist dabei: Liminal Spaces sind zwar menschenleer, aber menschengemacht. Die Bilder zeigen fast immer Architektur: verlassene Einkaufszentren und Bürogebäude, Bahnsteige oder nächtliche Fußgängerzonen – Natur ist so gut wie gar nicht präsent.

Ein Korridor mit orangenen Wänden und geometrisch gemustertem Teppich im Stil der 70er JahreQuelle: Martina John
Nostalgie für die Retro-Architektur vergangener Dekaden schwingt in vielen Darstellungen von Liminal Spaces mit.

Liminal Spaces als Internet-Trend

Dass wir unter Liminal Spaces mittlerweile Foto-Fundstücke surrealer Orte verstehen, wurde in dieser Form durch das Internet geprägt – auf Reddit kam der Begriff schon vor mehreren Jahren auf. Mittlerweile gibt es einen Twitter-Bot, der Bilder von Liminal Spaces postet – Screenshots aus Filmen, Schnappschüsse aus aller Welt – und dem über 500.000 Menschen folgen.

In den USA laufen über 100.000 Suchanfragen zum Keyword „liminal space“ pro Monat bei Google ein. Im deutschen Internet sind es immerhin bereits 4.400. Auch die Kurve bei Google Trends zeigt seit spätestens 2020 nach oben.

Eine kurze Geschichte der Liminalität

Dabei ist mit einem liminalen Raum eigentlich kein physischer, sondern ein sozialer Raum gemeint. Der Begriff „Liminalität“ wurden erstmals 1909 vom Ethnologen Arnold van Gennep verwendet. Er beschreibt in seinem Werk „Les Rites des Passages“ einen Übergangszustand. Liminalität bezeichnet bei ihm eine klassische „weder Fisch noch Fleisch“-Situation, in die Menschen oder Menschengruppe im Zuge eines Übergangsritus eintreten, wenn sie sich aus der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung gelöst haben, aber noch nicht in der neuen Ordnung angekommen sind.

Van Genneps schottischer Kollege Victor Turner baute das Konzept in den 1960er-Jahren für eine Theorie sozialer Veränderungsprozesse aus. Auch bei ihm beschreibt ein liminaler Raum einen symbolischen Ort außerhalb der etablierten Welt. „Die Liminalität ist das große Außerhalb von allen Hierarchien des sozialen Lebens. Jenseits vertrauter Raum- und Zeitbegriffe ermöglicht sie das Ausleben irrationaler, amoralischer und anarchischer Verhaltensweisen“, wird das Phänomen im „Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie“ beschrieben.

Ein liminaler Raum im symbolischen Sinne ist also ein Schwellen- und Übergangsraum, in dem alles möglich, aber nichts festgelegt ist. Auf konkrete physische Örtlichkeiten übertragen, könnte damit ein Treppenhaus, ein Parkplatz oder ein Bahnsteig gemeint sein – ein Ort, an dem man nicht ankommt, sondern sich nur aufhält, um irgendwo anzukommen.

In der popkulturellen Definition von Liminal Spaces liegt der Fokus auf dem physischen Ort beziehungsweise dem Bild davon, das im Internet geteilt wird und eine gewisse Atmosphäre erzeugt – frei übersetzt nach dem Fandom Wiki: „Die als Liminal Space bekannte Ästhetik ist ein Ort, der einen Übergang zwischen zwei anderen Orten oder Seinszuständen darstellt. Diese Räume sind typischerweise verlassen und oft leer: ein Einkaufszentrum nachts um 4 oder ein Schulkorridor während der Sommerferien. Dadurch fühlen sie sich für uns wie eingefroren aber auch gleichzeitig verstörend und altbekannt an.“

Ansicht des Schulterblatts in der Hamburger Sternschanze an einem verschneiten AbendQuelle: Martina John
Menschenleer und schneebedeckt wird das sonst so belebte Schulterblatt in der Hamburger Sternschanze zum Liminal Space.

Liminal Spaces und Heterotopien

Räume, die außerhalb der normalen gesellschaftlichen Wahrnehmung existieren, beschreibt auch ein anderes bekanntes kulturtheoretisches Konzept: das der Heterotopie. Den Begriff definierte Michel Foucault in seinem Vortrag „Des Espaces autres“ von 1984. Er beschreibt darin „andere Räume – gleichzeitig in und außerhalb der Gesellschaft verortet“. Für Foucault sind Heterotopien psychiatrische Kliniken, Gefängnisse oder Altersheime, aber auch Kinos, Theater oder Friedhöfe. Orte, an denen der Mensch mit seiner herkömmlichen Zeit bricht.

Zwischen Liminal spaces und Heterotopien gibt es Gemeinsamkeiten: Beide Konzepte beschreiben Räume, die „außerhalb“ unseres gesellschaftlichen Alltags stattfinden, an denen wir die Welt anders wahrnehmen und uns vielleicht auch anders verhalten. Gleichzeitig existieren signifikante Unterschiede – nicht zuletzt der Fakt, dass ihre „Erfinder“, der Philosoph Foucault und die Ethnologen Turner und van Gennep unterschiedlichen Disziplinen entstammen.

Eine Heterotopie ist durch ihre gesellschaftliche Funktion bestimmt. Es handelt sich um einen Mikrokosmos, eine „Gesellschaft in der Gesellschaft“, die anderen Regeln folgt als der sie umgebene Außenraum, wie das zum Beispiel im Gefängnis aber auch auf einer Karnevalsfeier der Fall ist.

Ein Liminal Space – in der heute gebräuchlichen popkulturellen Ausprägung – definiert sich dagegen durch seine Räumlichkeit. Es geht um einen Ort oder das Bild eines Ortes, der eine gewisse Ästhetik ausstrahlt, und eben nicht um das, was die Menschen darin tun. Statt der Mikro-Gesellschaft der Heterotopie macht den Liminal Space eben die Abwesenheit von Menschen und des von ihnen vertretenen gesellschaftlichen Systems aus – seine Natur ist die einer Leerstelle.

Das Amargosa Opera House in der Wüste von NevadaQuelle: Martina John
Ein Opernhaus als Roadside Attraction in der Wüste von Nevada – dieser surreale Ort ist von Natur aus bereits ein Liminal Space.

Der magische Blick auf die Welt

Woher kommt die Faszination für liminal spaces, die das Konzept vor allem seit Beginn der Pandemie zum Internet-Trend machte?

Zum einen liebt es das Internet, mysteriöse Phänomene zu diskutieren und Diskurse zu etablieren, an denen möglichst viele Menschen teilhaben können. Und sicher hat jede:r auf seinem oder ihrem Smartphone einen Schnappschuss von einem Ort, der als Liminal Space durchgehen könnte. Zum anderen ist da die Freude am Grusel, die Urban Legends oder Creepypasta schon vor Jahren zu populärem Online-Material machte.

Und sicher spielt auch die Pandemie eine Rolle – viele der Fotos der leeren Straßen und öffentlichen Räume aus dem Frühling von 2020 lassen sich nahtlos in eine Bildergalerie zum Thema einsortieren. Und vielleicht befinden wir uns ja auch immer noch alle in einem Schwellenzustand – einem symbolischen Raum zwischen dem „Bevor“ von 2019 und dem „Danach“, das noch immer auf sich warten lässt…

Wo finde ich Liminal Spaces?

  • …an einem verlassenen Bahnsteig in der Vorstadt, wenn der Sonnenuntergang die Gleise leuchten lässt
  • …im Treppenhaus eines Hochhauses, in dem es nach Staub und altem Linoleum riecht, und das nie genutzt wird, weil es eigentlich einen Fahrstuhl gibt
  • …auf einer nebligen Straße an einem Herbstabend, wenn das Licht aus den Häuserfenstern und die leuchtenden Reklameschilder durch den Nebel scheinen
  • …in der „Zeit zwischen den Jahren“/den 12 Raunächten, wenn man nicht mehr weiß, welcher Wochentag gerade ist oder welches Jahr man schreibt
  • …nachts an einer Tankstelle auf einer Autobahnraststätte
  • …in Filmen von David Lynch oder Stanley Kubrick
  • …auf Bildern von Edward Hopper, René Magritte, David Hockney oder Giorgio de Chirico

Martina

Mag Architektur, Tiere und Internetkultur

2 Kommentare

  1. […] in Sichtweite). Wir sind weder auf dem Land noch in der Stadt, sondern in einer besonderen Art des liminal space: den […]

  2. […] Durchgangsraum am Bahnhof, wo man schnell einen Döner oder ein Kiosk-Bier kauft. Heterotopien oder liminal spaces abseits des bürgerlichen Alltags. Orte, an denen niemand zu Hause ist, die die Menschen aber […]

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