Whisky – eine rauchigsüße Lüge

zwei Nosing-Gläser mit Whisky vor einer Dubliners-Platte auf einem Tisch
Foto: Justus Ledig

Wie wohl keine andere Spirituose steht Whisky für ein Versprechen: Natur, Urwüchsigkeit, Geduld, Handwerkskunst. Die erlebt seit einigen Jahren auch in städtischen Zirkeln ihre Renaissance. Dabei ist die Erzählung von Whisky als schnapsgewordene Antimoderne voller Unwahrheiten – von denen man sich doch gern blenden lässt.

Ein Drink wie ein guter Zahnarztbesuch

Eine kurze persönliche Vorgeschichte: Meine erste Begegnung mit qualitativ hochwertigem Whisky stand unter denkbar schlechten Vorzeichen. Es war auf einem verregneten Metal-Festival, wo der liebe Zeltnachbar eine Flasche kreisen ließ. Es müsste ein 15-jähriger Aberlour gewesen sein. Vorher hatte ich schon von mir behauptet, Whisky beziehungsweise Whiskey in seiner irischen Ausprägung zu schätzen. Aber was der Tropfen aus dem Plastikbecher(!) bei mir auslöste, werde ich nicht vergessen. Wie bitte, solche Aromen, so ein Abgang, das kann doch nicht aus dieser Spirituose kommen?!

Fortan war ich gehypt, auch wenn das Studentenbudget nur selten ordentlichen Stoff zuließ. Als ich kurze Zeit später einen zehnjährigen Laphroaig geschenkt bekam, wurde mir bewusst, zu welchem geschmacklichen Ausmaß Whisky imstande ist: Das Monster von Torf und Phenol ist „wie ein guter Zahnarztbesuch“, wie der ehemalige Zeltnachbar als Whisky-Mentor zu bemerken wusste. Nach wie vor schätze ich die meist stark getorften Erzeugnisse von der windgepeitschten Insel Islay sehr.

Es ist natürlich die enorme Bandbreite der Aromen und Geschmäcker, die diese Spirituose aus gemälztem Getreide und viel Zeit so fantastisch macht. Aber das allein reicht nicht. Whisky erzählt Geschichten, die in einer technokratischen und digitalisierten Welt auf fruchtbaren Boden treffen. Zumindest deuten steigende Umsatzzahlen der Branche, die krisenfest zu sein scheint, darauf hin.

Neblige schottische Landschaft auf der Isle of SkyeQuelle: Suganth/Unsplash
So stellt man sich die Herkunftlandschaft von schottischem Whisky vor – die nebelverhangene Isle of Skye Foto: Unsplash/Suganth

Das Versprechen flüssiger Entschleunigung

Schon mit der Herstellung des Lebenswassers, was grob übersetzt die Bedeutung des Wortes Whisk(e)y bzw. Uisge Beatha ist, fängt es an: Um in der Europäischen Union Whisky bzw. Whiskey genannt werden zu dürfen, muss der Brand mindestens drei Jahre in Holzfässern gelagert worden sein.

Zwar wird das meiste der weltweiten Produktion zu sogenanntem Blend Whisky verarbeitet, also Verschnitt, bei dem es keine genaue Herkunft- oder Altersangabe mehr gibt. Bekannte Marken wie Johnnie Walker, Ballantines oder Chivas Regal fallen darunter. Aber Kenner:innen schwören natürlich auf Single-Malt-Whisky, der aus gemälzter Gerste besteht und sich einer Destillerie und oft auch einem dezidierten Mindestalter zuordnen lässt. Üblich auf dem Markt sind 10, 12, 15 oder 18 Jahre und mehr. Aroma und Geschmack sind hier in der Regel deutlich komplexer als bei einem Blend.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Damit ein handelsüblicher 12-jähriger Glenfiddich im Rewe oder Edeka für rund 30 Euro verkauft werden kann, muss der Flascheninhalt zuvor mehr als ein Jahrzehnt im Fass gereift sein. Mehr Entschleunigung geht doch nicht!? Bei den dafür notwendigen logistischen und finanziellen Investitionen, kann das doch nur ein Liebhaberprodukt sein. Zum Vergleich: Ein Gin, der locker für die gleiche Kohle über den Ladentisch geht, ist binnen wenigen Wochen trinkfertig.

Die Faszination für den Celtic Fringe

Natürlich ist die reine Reifungsdauer nicht allein das, was Whisky so attraktiv macht. Ein gewichtiger Punkt ist sicherlich auch die weltweit und nicht zuletzt deutschlandweit verbreitete Liebe zum Celtic Fringe, den Rändern des Vereinigten Königreichs. Schottland und Irland, die Ursprungsländer des Whisk(e)y, genießen traditionell einen guten Ruf in der westlichen Welt.

Sympathie für die von der britischen Weltmacht unterdrückten Völker ist stark verkürzt sicher eine Wurzel der Schottland- und Irland-Verklärung. Kaum eine Stadt von mehr als 50.000 Einwohner*innen in Deutschland kommt ohne Irish Pub aus, keltische Folklore ist nicht nur in New-Age-Kreisen beliebt und die Dubliners sind vermutlich ein seltener gemeinsamer musikalischer Nenner von Boomer:innen und jüngeren alternativen Zirkeln.

Auch als Reiseziele sind die Gegenden des Celtic Fringe beliebt. Und wenn die Marketing-Managerin und der Account Executive ihren Van-Life-Urlaub in den schottischen Highlands verbringen, darf natürlich die Destillerie-Besichtigung nicht fehlen. Schließlich hat ihnen Talisker doch so stilvolle Werbung auf Instagram mit Küste, Lagerfeuer und Flasche ausgespielt! Selbstverständlich fühle ich mich auch persönlich davon angesprochen.

Die lokale Tourismusindustrie hat die Zeichen der Zeit natürlich erkannt. Und nicht nur lokal, denn es gibt sogar dezidierte Anbieter für Whisky-Reisen. Und Websites schottischer Brennereien in deutscher Übersetzung. 

Whiskey-Produktion weltweit

Die Mutterländer im Celtic Fringe sind weiterhin führend bei der Herstellung von Whisk(e)y: 40 Prozent der weltweiten Produktion kommt aus Schottland, gefolgt von Irland sowie den USA und Kanada mit jeweils eigenen Whisky-Traditionen. 

Nach der Anglosphäre ist übrigens Japan die wichtigste Nation bei der Herstellung der Spirituose, qualitativ keineswegs schlechter als die westliche Welt. Einen wachsenden Markt gibt es auch in Deutschland: So wird am Schliersee, im Schwarzwald oder in Mecklenburg-Vorpommern inzwischen Whisky hergestellt.

Doch Hand aufs Herz, mit Whisky verbinden die meisten Menschen ein durch lange Fassreifung rotbraun gefärbtes Getränk aus Schlechtwetter-Gegenden im Westen Europas, nicht wahr?

Ein Mann mit Schiebermütze steht vor einer schottischen LandschaftQuelle: Justus Ledig
Für guten Whisky reist man gerne in Schlechtwetterländer.

Die beiden großen Whisky-Lügen: Farbstoff und Großkonzerne

Spätestens da fängt die erste Lüge an. Denn die meisten Hersteller, seien es noch so renommierte Brennereien mit urwüchsigem Image und Marketing-Bildern von Fässern am sturmumtosten Strand, färben ihren Whisky. Richtig gelesen: Selbst bei Single-Malt- und Jahrgangswhisky wird häufig mit Zuckerkulör nachgeholfen, um eine gleichmäßige dunkle Färbung zu erreichen, die einfach wertiger wirken soll. Der Farbstoff gilt als geschmacklos und soll das Trinkerlebnis nicht schmälern.

Dennoch frage ich mich: Warum zum Teufel muss bei einer Spirituose, die jahre- bis jahrzehntelang im Fass reift und ein unverfälschtes Produkt verspricht, nachgeholfen werden?! Gibt es da denn niemanden, keine alten traditionsbewussten Leute in der Brennerei, deren Familien seit Generationen Whisky herstellen, die dagegen rebellieren?

Das bringt uns zur zweiten Lüge: Denn hinter fast allen prominenten Brennereien stecken nicht etwa lang in der Region verwurzelte Clans, sondern meistens hochdotierte internationale Getränke- und Luxusartikelkonzerne.  Dazu zählen unter anderem:

  • Diageo (z. B. Caol Ila, Cardhu, Glenkinchie, Lagavulin, Talisker
  • Pernod Ricard (z. B. Aberlour, Glenlivet) 
  • Bacardi (z. B. Aberfeldy, Macduff)
  • Beam Suntory (z. B. Ardmore, Auchentoshan, Bowmore, Laphroaig)
  • LVMH Moët Hennessy – Louis Vuitton SE (z. B. Ardbeg, Glenmorangie)

Das Wichtigste ist die gute Geschichte

Ernüchtert? Freilich sind das alles keine Geheimnisse. Und natürlich gibt es kleine Brennereien und unabhängige Abfüller, aber ich vermute, dass es den meisten wie mir geht: Bei der Reiserückkehr – nicht nur aus Whisky-Ländern – freue ich mich über ein Schnaps-Schnäppchen mit einem schönen Etikett im Duty-Free-Shop, das eine Geschichte erzählt.

Eine Geschichte von Sturm, Heidekraut, salziger Luft und vielleicht einem kleine Pub, wo ein alter Mann mit zerknautschten Gesicht in breitem Scots von seinem letzten Fischzug berichtet. Und dabei ein wee dram eines Tropfens zu sich nimmt, der mindestens so viel Charakter hat wie er selbst. Am Ende ist es zweitrangig, wie authentisch das Produkt wirklich ist, denn ich möchte diese eher harmlosen kleinen Lügen gerne glauben. Slàinte!

1 Kommentar

  1. Schönes Ding! Gute Geschichten gehen nämlich auch ohne Whisk(e) y. Wenn du sie erzählst!

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