Leben über der Autobahn: Ein selbst geschaffenes Paradies aus Beton

Schwarz-Weiß-Foto der Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße in Berlin
Foto: Matthias Musch

Die Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße im Westen Berlins ist ein einzigartiger Wohnkomplex in Deutschland. In der Wohnraumknappheit des Kalten Krieges erbaut, leben heute in den über 1000 Wohnungen Menschen an einem Ort, an dem sonst nur Verkehrslärm zu finden ist.

Schwarz-Weiß-Foto der Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße in BerlinQuelle: Matthias Musch
Rückseite Wohnkomplex, 2021

Wohnraum über der Stadtautobahn

Zu Beginn der 1970er-Jahre war der Wohnraum in West-Berlin knapp. Erste Großsiedlungen wie das Märkische Viertel oder die Gropiusstadt waren bereits umgesetzt, jedoch reichte der Wohnraum in der Stadt immer noch nicht aus.

Daraufhin entschlossen sich die Stadtplaner:innen zu einem revolutionären Schritt: die Stadtautobahn auf einer Länge von 600 Metern mit einem Wohnkomplex zu überbauen. Dieser Bau fand in den Jahren zwischen 1976 und 1980 statt. Die Planung erfolgte durch die Architekten Georg Heinrichs, Gerhard Krebs und Klaus Krebs. So entstand die Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße, von ihren Bewohner:innen auch „Die Schlange“ genannt.

Schwarz-Weiß-Foto der Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße in BerlinQuelle: Matthias Musch
Seiteneingang Schlangenbader Straße, 2021

Eine Stadt in der Stadt

Der Komplex ist so geplant, dass er eine in sich geschlossene Stadt darstellt. Neben den Wohnungen gab es einen Supermarkt, ein Kulturzentrum, Cafés, Restaurants und Spielplätze. 

Die treppenartige Bauweise der Wohnriegel sorgt dafür, dass trotz des brutalistischen Baustiles ein Gefühl der Weite und Offenheit entsteht. In die 1000 Wohnungen zogen nach der Errichtung Menschen jeden Alters und aus den verschiedensten kulturellen und sozialen Gruppen ein. Teilweise sind heute noch Wohnungen mit Erstbezüglern belegt. 

Schwarz-Weiß-Foto der Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße in BerlinQuelle: Matthias Musch
Rückseite Wohnkomplex, 2021
Schwarz-Weiß-Foto der Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße in BerlinQuelle: Matthias Musch
Hofübergang Wohnkomplex, 2021

Die „Schlange“ heute

Vierzig Jahre später hat sich das Bild der „Schlange“ gewandelt. Die Wohnungen sind weiterhin belegt jedoch stehen viele Geschäftsräume leer und der Komplex wirkt eher ausgestorben.

Teilweise reißt der Beton auf, an anderen Stellen blättert die Farbe ab. Dafür haben sich viele Bewohner:innen ihr eigenes kleines Paradies auf den Balkonen und in ihren privaten Räumen geschaffen. Ein bisschen wirkt es, als hätten sie sich in der Winterschlaf zurückgezogen. Vom gemeinschaftlichen Leben in der Schlangenbader Straße erzählen heute hauptsächlich die baulichen Überreste.

Innenansicht: Schwarz-Weiß-Foto der Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße in BerlinQuelle: Matthias Musch
Eingangsbereich Wohnkomplex, 2021

Ein brutalistisches Juwel

Für Architekturbegeisterte und Fotograf:innen sind die Gebäude weiterhin ein Highlight. Der Komplex gehört zu den wenigen Gebäuden des Brutalismus, die in Berlin unter Denkmalschutz stehen, und es entstehen auch immer wieder Fotoreportagen über die Menschen, die dort leben. 

Besonders in Zeiten der erneuten Wohnraumknappheit ist die Suche nach alternativen Lebensräumen in der Stadt so gefragt wie nie. Es liegt auf der Hand, die massiven Flächen, die vom Verkehr beansprucht werden, wieder in der Stadt zum Leben zu erwecken. Daher ist auch die Auszeichnung von 2002 mit dem Renault Traffic Award für fortschrittliche Verkehrsarchitektur mehr als berechtigt.

Schwarz-Weiß-Foto der Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße in BerlinQuelle: Matthias Musch
Innenhof mit Gemeinschaftsbereich, 2021

Wo geht es zur „Schlange?“

Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße 
Wiesbadener Str. 50
14197 Berlin

Fotos und Text: Matthias Musch, 2021

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