Was ist eigentlich … Foraging?

Foto: Christina Grevenbrock

Nein, wir sind nicht zu cool für deutsche Begriffe, aber für „Foraging“ gibt es einfach kein treffendes Pendant im Deutschen. Gemeint ist die Suche nach und das Sammeln von Lebensmitteln in der freien Wildbahn bzw. im öffentlichen Raum. Dazu gehört das Aufsammeln von Maronen, Beerenpflücken im Wald oder am Wegrand genauso wie Pilze sammeln.

Darf man das?

Ja, Wildwuchs und Pflanzen im öffentlichen Raum zu ernten, ist durchaus erlaubt. Den rechtlichen Rahmen hierfür steckt das Bundesnaturschutzgesetz ab. Zwar ist es verboten „wild lebende Pflanzen ohne vernünftigen Grund von ihrem Standort zu entnehmen oder zu nutzen oder ihre Bestände niederzuschlagen oder auf sonstige Weise zu verwüsten“ sowie Wildtiere zu beunruhigen und ihren Lebensraum zu schädigen, aber es gibt eine entscheidende Ausnahme:

„Jeder darf […] wild lebende Blumen, Gräser, Farne, Moose, Flechten, Früchte, Pilze, Tee- und Heilkräuter sowie Zweige wild lebender Pflanzen aus der Natur an Stellen, die keinem Betretungsverbot unterliegen, in geringen Mengen für den persönlichen Bedarf pfleglich entnehmen und sich aneignen.“

Ein Zitronenbäumchen wächst in einem Kübel vor einem Gebäude. Reife Früchte hängen an den Ästen und liegen auf dem Boden. Im Hintergrund steht ein weiteres Zitrusbäumchen.Quelle: Christina Grevenbrock
Hier hätte ich gerne zugegriffen, aber Kübel sind ein ziemlich eindeutiger Hinweis auf Eigentum. Das muss natürlich auch beim Foraging beachtet werden.

Das heißt: Solange man ein Gebiet frei betreten darf und vorsichtig in haushaltsüblichen Mengen erntet, ist alles in Ordnung. Kirschen in Nachbars Garten zu klauen, bleibt aber natürlich Diebstahl. Daher sollte man immer sicher gehen, dass der vermeintlich öffentliche Raum auch wirklich öffentlich ist. Im Zweifelsfall ist der korrekte Weg, beim Grünflächenamt nachzufragen.

Was die Mengen angeht, ist das Gesetz eher vage. Hier ist auch eine Portion gesunder Menschenverstand gefragt. Foraging sollte nachhaltig sein. Das heißt, man darf nur so viel ernten, dass der Fortbestand einer Pflanzenart an einem Ort nicht gefährdet ist, sonst ist da ja im nächsten Jahr nichts mehr zu holen. Auch darf man die Wildtiere nicht vergessen. Der Holunderbusch stirbt nicht sofort, wenn ich alle Blütendolden abpflücke, aber zahlreiche Wildtiere und alle anderen menschlichen Spaziergänger schauen dann halt in die Röhre.

Eine Marone liegt auf dem Waldboden.Quelle: Christina Grevenbrock
Reiche Beute!

Warum macht man sich denn die Mühe?

Die Motivation ist individuell verschieden, aber für das Foraging spricht so einiges: Man erntet im Einklang mit den Rhythmen der Natur. Reif sind die Beeren, Kräuter und Nüsse, wenn sie soweit sind, und es gibt auch nur zu ernten, was in der Region halt so wächst. Das gibt das gute Gefühl, im Kontakt mit der Natur zu sein, auch wenn man sonst seine Bananen im Supermarkt kauft. (Spoiler: Die wachsen in Norddeutschland nicht wild.) Foraging ist unschlagbar günstig, Pflücken kostet ja nichts. Frischere Lebensmittel kriegt man auch nicht als direkt vom Strauch.

Außerdem ist Foraging – wenn man pflanzenschonend erntet – in puncto Nachhaltigkeit kaum zu toppen. Die Sachen sind in aller Regel mehr oder weniger „Bio“, die Blaubeeren im Wald haben für gewöhnlich keine Pestizide und Dünger gesehen. Die Brombeeren am Straßenrand könnten allerdings eine Ladung Abgase abbekommen haben. Die Lebensmittel sind alle regional (logisch), CO2-neutral vor Ort gewachsen und werden in aller Regel nicht mehr weit transportiert. Und außerdem macht es auch einfach Spaß, Früchte oder ähnliches zu entdecken und unverhoffte „Beute“ mit nach Hause zu bringen.

Vier Brombeeren liegen auf einer ausgestreckten Hand. Im Hintergrund ein Brombeerbusch.Quelle: Christina Grevenbrock
Brombeeren wachsen nahezu überall an Wegrändern.

Wo finde ich Orte fürs Foraging?

Die mit Abstand beste Methode ist, einfach mit offenen Augen unterwegs zu sein. Dabei ist es ungemein von Vorteil, wenn man weiß, wie die einschlägigen Pflanzen aussehen und worauf man bei der Identifizierung achten muss. Dabei helfen Pflanzenbstimmungsbücher oder das Internet. Viele Obstbäume und Beerensträucher fallen während ihrer Blütezeit mehr ins Auge als zur eigentlichen Reife. Da hilft es, sich beizeiten eine mentale Notiz über die Standorte zu machen. Wenn es dann soweit ist, dass die ersten Früchte reif sind, kann man gezielt wiederkommen.

„Die“ deutsche Foraging-Bibel ist die Website mundraub.org. Hier findest du neben einer Karte, mit den Standorten von Fundstellen quer durch die Republik auch zahlreiche Tipps, Tricks und Rezepte zum Thema. Die Website ist besonders hilfreich, wenn man gezielt nach Büschen und Sträuchern sucht oder sich in einer Region noch nicht so gut auskennt.

Beim Wildernten ist sind aber auch ein paar Standortdinge zu bedenken. Das sind zum einen regionale Dinge, etwa dass sich besonders in Bayern immer noch ziemlich hohe Radioaktivitätswerte in Waldpilzen messen lassen und man hier vielleicht nicht übermäßig zugreifen möchte. Grade in städtischen Gebieten empfiehlt es sich zum anderen nicht unbedingt unterhalb der Hüfthöhe zu sammeln. Oft wird dieser Tipp mit dem Fuchsbandwurm begründet, der auch für den Menschen gefährlich werden kann. Neuere Erkenntnisse zeigen aber, dass die Ansteckungsgefahr durch Beeren eher gering ist.

Ich bleibe trotzdem bei meiner Pflückhöhe: Gerade in urbanen Gebieten unterstelle ich grundsätzlich jeder Grünfläche, dass sie regelmäßig als Hunde-WC dient. In manchen Parks wurden sogar schon männliche Menschen beim Freilufturinieren gesichtet. Da hilft meiner Phantasie auch gründliches Waschen nicht weiter. Aber ab einer gewissen Erntehöhe greife ich trotzdem guten Gewissens gerne zu.

Christina

Mag Kunst, Gemüse und Nachhaltigkeit.

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