Klackermatsch und Krabbeltiere: Was ist eigentlich … Goblincore?

Gelbbraune Baumpilze wachsen auf einem von feuchtem grünem Moos überwucherten Ast
Foto: Martina John

Moos, Matsch, Kröten und Käfer statt romantischer Landidylle im weißen Leinenkleid. Goblincore ist die dreckige kleine Schwester der Cottagecore-Ästhetik. Was verbirgt sich hinter dem neuen Internet-Trend?

Der Cottagecore-Trend ist mittlerweile auch in Deutschland angekommen – eine kurze Google-Suche zeigt, dass inzwischen sogar die nicht gerade für ihre avantgardistischen Inhalte bekannten Lifestyle- und Frauenmagazine über die digitale Annäherung an eine idyllische Auffassung des Landlebens berichten.

Derweil beeinflusst in der Anglosphäre bereits eine neue #aesthetic die Naturwahrnehmung über die sozialen Netzwerke: Auf TikTok, Tumblr, Instagram und Co posten die meist jungen Nutzer:innen unter dem Hashtag #goblincore Bilder von Fröschen und Schneckenhäusern, verwunschenen Waldstücken, bemoosten Felsen und Ästen viktorianischer Pilzmännchen und finnischer Mumins.

Eine Hand vor Waldboden, die ein Weinbergschnecken-Gehäuse hältQuelle: Martina John
Fundstücke aus der Natur sind typische #goblincore-Ästhetik

Goblincore sucht die Schönheit im Hässlichen

Aber was ist Goblincore genau? In einem Artikel aus dem Juli 2021 definiert der britische “Guardian” das Phänomen als eine Beschäftigung mit den chaotischen, dreckigen und weniger beachteten Facetten der Natur, die in der allgemeinen Wahrnehmung als hässlich oder eklig gelten: Krabbeltiere, die man unter einem Stein findet, Frösche und Kaulquappen in zugewucherten Tümpeln, Knochen, Moos und Pilze. Das Ganze aber natürlich weiterhin instagrammable aufbereitet…

Der Begriff “Goblin” bezeichnet im Englischen einen kleinen Naturgeist von oft grotesker, hässlicher Gestalt wie einen Kobold oder Gnom. Im Kontext von Goblincore fällt auch immer wieder der Begriff “feral” – eines dieser Wörter, für die es keine richtige deutsche Übersetzung gibt: Es bedeutet wild und ungezähmt mit einem Hauch Chaos und fasst die Ästhetik gut zusammen.

User:innen zelebrieren einen archaisch-kindlichen Blick auf eine belebten Natur voller Naturgeister, gerne auch mit einem okkulten “witchy” Touch (wobei die Faszination von TikTok & Co für romantisierend-naturnahe “Hexerei” mit feministischer und queerer Attitüde einen eigenen Artikel wert ist).

Eine dicke schwarze Wegschnecke kriecht über einen Waldboden mit trockenen Blättern, Erde und GrasQuelle: Martina John
Schön ist anders. Goblincore lenkt die Aufmerksamkeit auf die ansonsten unbeachteten Kriech- und Krabbeltiere

Romantisiert Cottagecore eine agrarische Vision des perfekten Landlebens, widmet sich Goblincore der vom Menschen unberührten Natur – oder zumindest dem Internet-Traum davon.

Wie Cottagecore lebt auch Goblincore vom DIY-Spirit. Die Ästhetik  floriert auf Plattformen wie Etsy und Pinterest: Von Basteltipps für Moos-Terrarien über Anleitungen zum Kräuter- oder Pilzesammeln bis zu Shops, in denen Pilz-Poster, Kristalllampen oder Pullis und Taschen in Erd- und Waldfarben verkauft werden, wird alles Mögliche unter dem Begriff Goblincore angeboten.

Das Problem mit dem Goblin-Motiv

Die meisten Anhänger:innen von Goblincore, die glitzernde Steine und knorrige Äste sammeln und sich zu schrecklich-schönen Kobolden stilisieren, tun dies ohne politisch fragwürdige Hintergedanken. Im Gegenteil: Die Ästhetik ist eng verknüpft mit der LGBTQ-Community, sieht sich als inklusiv, antikapitalistisch und antifaschistisch.

Dennoch: Das Motiv des verwachsen-grotesken Goblins oder Kobolds, der eifersüchtig seine Schätze hütet – besonders unschön verkörpert in den Goblin-Bankiers in der “Harry Potter”-Franchise – trägt politische Implikationen in sich, die nicht unerwähnt bleiben sollten. Denn wie unter anderem der “Guardian” in seinem Bericht über Goblincore aufzeigt, reproduziert diese Form des Goblin-Motivs historische antisemitische Stereotype. Dementsprechend warnt auch das Fandom-Wiki  seine User:innen vor der Bezeichnung als “greedy little goblins” 

Obwohl der Begriff Goblincore in der Regel unabhängig von Selbst- oder Fremdstilisierungen als Kobolde genutzt wird, gibt es Fans, die die Bezeichnung lieber ganz vermeiden und auf Begriffe wie “Mosscore” oder “Mushroomcore” zurückgreifen.

Ein großer Fliegenpilz wächst aus einer von trockenem Laub übersäten HerbstwieseQuelle: Martina John
Fliegenpilze sind sehr #goblincore. Die Ästhetik ist auch als #mushroomcore bekannt

Wo finde ich Goblincore?

  • Auf Social Media: Bei Pinterest, TikTok, Instagram & Co unter dem hashtag #goblincore oder in entsprechenden Etsy-Shops.
  • Musikalisch: Auf Playlists bei Youtube und Spotify 
  • Auf Bildern und Illustrationen von Tove Jansson, Richard Dadd oder John Tenniel –  oder einfach bei einer Google-Suche nach “Victorian Fairy Paintings” 
  • Draußen in der Natur beim Foraging, Pilzesammeln oder Insektenbestimmen.

Martina

Mag Architektur, Tiere und Internetkultur

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