Ein Plädoyer für die Anonymität der Großstadt

Ein Ausblick über die Wolkenkratzer von New York City unter blauem Himmel, aufgenommen vom Empire State Building aus
Foto: Martina John

Traditionelle Kiezkultur, hyperlokale Facebook-Gruppen oder Corona-bedingte Nachbarschaftshilfe – es gibt viele Versuche, die Stadt zum Dorf zu machen und der Masse Mensch Einzelgesichter und -geschichten zu entlocken. Manchmal kann die Anonymität der Großstadt aber auch befreiend sein. Eine Kolumne.

Das anonyme Leben in den Metropolen wird so oft verteufelt, soll Schuld an allem sein, was Städte dreckig, stressig und gefährlich macht. Alle sind allen egal, niemand schert sich darum, dass Menschen ihren Müll auf den Boden schmeißen oder Passant:innen bepöbeln, rempeln und drängeln, saufen und klauen oder gewalttätig werden.

Anonymität bedeutet Freiheit

Klar, schön ist das alles nicht. Aber ich persönlich habe mich selten freier gefühlt, als wenn ich in London oder New York durch die Straßen gelaufen bin, in der Gewissheit, dass ich niemanden kenne und mich niemand kennt und ich all den anderen Menschen herzlich egal bin. Dass es keinen schert, wie ich aussehe oder wo ich hingehe. Vielleicht streift mich ein flüchtiger Blick und wenn ich schnell genug gehe und entschlossen genug gucke, werde ich eventuell nach dem Weg gefragt – aber das sind lose Interaktionen, die mich nicht festhalten. Ich schwimme trotzdem einfach mit im Fluss der Stadt. Niemand urteilt über mich – zumindest nicht so, dass ich es mitbekomme.

Und selbst in Hamburg oder in Berlin schwimmt es sich als kleiner Fisch gut durchs große Häusermeer. Ich kann durch mein Viertel joggen, ohne dass sich jemand eine Meinung darüber bildet, wie oft oder wie wenig Sport ich mache. Ich kann mir aussuchen, ob ich mich mit meinen Nachbar:innen im Mietshaus anfreunden oder sie ignorieren möchte. Denn im Haus leben so viele Parteien, es zieht immer wieder wer ein- oder aus und ich bin nicht für Dekaden an einen kleinstädtisch-dörflichen Jeder-kennt-jeden-Kosmos und die Sympathien seiner Bewohner:innen gefesselt.

Quelle: Martina John
Dreckig-anonymes Großstadtgefühl geht natürlich auch in Berlin

Mikrokosmos vs. Makrokosmos

Klar hat Freiheit auch ihren Preis – ist schon ätzend, wenn man neue Ärzt:innen auf Basis von Google-Bewertungen suchen muss statt auf Empfehlung von Freund:innen und Familie (okay, das kann auch ein Problem häufigen Städtewechsels sein). Oder wenn man nicht weiß, ob es jemanden schert, sollte mal in der Wohnung eingebrochen werden. Oder wenn alle Freund:innen mindestens eine halbe U-Bahn-Stunde entfernt wohnen.

Und manchmal entdecke ich auch in mir ein bisschen Sehnsucht nach überschaubaren Vorstadt-Strukturen oder gemütlichem Dorf-Mikrokosmos. Wenn mich die Frau hinter der Café-Theke fragt “Ich hab dich öfter hier gesehen, du wohnst doch hier?”, wenn der Nachbar die Blumen gießt, ich weiß, bei welcher Kassiererin im Supermarkt ich mich lieber nicht anstelle und ich immer wieder die gleichen Nasen im Viertel sehe, weckt das schon ein warmes Gefühl im Bauch.

Aber die Verkäuferin im Café und die Nachbarn im Treppenhaus wissen weder, wo ich arbeite, noch können sie zuordnen, welcher Sack im Müllraum aus meiner Wohnung kommt. Und wenn ich sonntags ungeschminkt und in ollen Klamotten um den Block gehe, wird mich niemand fragen, warum ich heute denn so fertig aussehe. Und dann ist es wieder sehr entspannend, nur ein Halbton in der Symphonie der Großstadt zu sein.

Martina

Mag Architektur, Tiere und Internetkultur

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