Neues Leben an „Lost Places“: Industriebrachen als Biodiversitäts-Hotspots

Ein Schild "Naturschutzgebiet" vor einer Wasserfläche. Im Hintergrund verschwommen eine Industrielandschaft

Blühende Biotope da, wo man sie am wenigsten erwarten würde: Auf alten Industriebrachen kann sich die Natur oft ungestört entfalten. Warum urbane „Lost Places“ zu wertvollen Schutzräumen wurden und welche Tier- und Pflanzenarten dort heimisch sind, erfahrt ihr hier:

Biodiversität auf den „Brownfields“

Die Artenvielfalt nimmt weltweit rasant ab. Ein Grund dafür ist das Verschwinden von Lebensräumen und damit Rückzugsmöglichkeiten für Flora und Fauna durch Bebauung, Versiegelung und Landnutzungsänderungen.

Doch durch derartige Nutzungsänderungen entstehen manchmal auch neue Lebensräume an Stellen, an denen man sie nicht vermuten würde. Ausgerechnet dort, wo über viele Jahre Natur verdrängt und zerstört wurde, zeigen sich zwischen Ruinen aus Beton und Stahl blühende Wiesen voller Leben. Die Rede ist von Industriebrachen, auch „Brownfields“ genannt.

Ein kleines Gebäude aus roten Ziegeln auf einer verwilderten Wiese. Im Hintergrund sieht man ein modernes IndustriegebäudeQuelle: Julia Lenz
Wasserkunst-Insel Kaltehofe bei Hamburg: Industriedenkmal und Natur-Paradies

Was passiert mit den kontaminierten Böden?

Mit der Deindustrialisierung der letzten Jahrzehnte sind vielerorts ehemalige Industrieflächen brach gefallen. Die Nutzung der Flächen durch die Industrie blieb nicht folgenlos: Viele Böden sind bis heute mit Stoffen aller Art kontaminiert, die Bodenstruktur zerstört und die Flächen kaum weiter nutzbar. Im Laufe der Zeit zerfielen die Werksgebäude, Zufahrtsstraßen wurden unbefahrbar und die Standorte verschwanden langsam aus dem Stadtbild. Nicht selten hat man Flächen aufgrund von Altlasten bewusst unzugänglich gemacht und hinter Zäunen und Mauern verborgen.

Die Natur konnte sich an diesen „Lost Places“ völlig ungestört von menschlichen Eingriffen wieder ausbreiten und entwickeln. Durch die lange Entwicklungszeit und Projekte zur Begrünung der freigewordenen Flächen gehören Industriebrachen in unseren Breiten mittlerweile zu den artenreichsten Biotopen überhaupt und bereichern die urbane Biodiversität.

Zufluchtsort für Rote-Liste-Arten

Zahlreiche Arten, für die es in der Stadt, aber auch im ländlichen Umfeld keine geeigneten Lebensbedingungen mehr gibt, finden auf solchen Industriebrachen Zuflucht. Darunter viele Rote-Liste-Arten, die offene und halb-offene Landschaften benötigen, wie verschiedene Tagfalter, Heuschrecken, Eidechsen und einige Vogelarten.
Auch Fledermäuse und Gebäudebrüter, die durch den modernen Hausbau keine Nischen mehr zum Nisten und Schlafen finden, quartieren sich mit Vorliebe in den alten Hallen und Häusern ein.

Ein grauer Vogel - ein Neuntöter - sitzt auf einem StacheldrahtzaunQuelle: Julia Lenz
Bedrohte Vogelarten wie der Neuntöter fühlen sich auf verbuschten Brachen heimisch.

Schwermetallpflanzen gegen Gift im Boden

Aus Naturschutzperspektive ist diese Wiederverwilderung von Freiflächen ganz und gar nicht unerwünscht: Neben dem Erhalt der Biodiversität, sorgt die immer dichter werdende Pflanzendecke auch dafür, dass sich giftige Stoffe im Boden vorerst nicht weiter in der Umwelt verbreiten können, bis aufwendige Maßnahmen zur Bodensanierung durchgeführt werden können.

Einige Pflanzen zeigen sich dabei sogar besonders tolerant gegenüber schwermetallbelasteten Böden. Sogenannte Galmeipflanzen wie das Galmei-Veilchen oder die Galmei-Granelke siedeln dort, wo aufgrund der starken Schwermetallbelastung sonst nur wenige andere Arten siedeln können, wie in ehemaligen Erzabbaugebieten im Harz und in Aachen.

Manche Schwermetallpflanzen können sogar dabei helfen, die Böden zu reinigen. Pflanzen wie die Hallersche Schaumkresse nehmen große Mengen Schwermetalle auf und entfernen sie aus den Böden. So können langfristig selbst diese scheinbar lebensfeindlichen Orte wieder mit Leben gefüllt werden.

Neben dem großen Potenzial für urbane Artenvielfalt bieten die Freiflächen nach der Bodensanierung auch neue Räume für die Städte, z.B. als Naherholungsflächen, an denen es oftmals mangelt und die Begegnung zwischen Mensch und Natur in der Stadt ermöglichen.

3 Kommentare

  1. […] Erhalt von Biotopen einsetzt, auf denen bedrohte Spezies Zuflucht finden – das können sogar alte Industriebrachen […]

  2. […] ungestört entwickeln, und Wegränder, kleine Gehölze und Industriebrachen können zu wahren Biotopen […]

  3. […] sich auf Arten, die in deutschen Städten auftreten. In der Innenstadt, in Parks und an Lost Places leistet die App gute Dienste. Wer auf dem Land, im Wald oder im Ausland Pflanzen bestimmen will, […]

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