Plastikfasten – eine Bilanz

Zwei Äpfel, eine Flasche Olivenöl, eine Flasche Ketchup, ein Glas Senf, eine Flasche Milch (alles Pfandflaschen), eine Orange, ein Brotbeutel vor weißer Wand
Foto: Anja Manneck

Dieses Jahr wollten meine Familie und ich die Zeit zwischen Fasching und Ostern nutzen, um Kunststoffe zu „fasten“ und so unseren Hausmüll zu reduzieren. Dazu haben wir uns jede Woche einen (wechselnden) Tag gesucht, an dem wir versucht haben, auf Plastik zu verzichten.

Unsere Regeln waren:

  • Keine Kunststoffe kaufen
  • Keine Kunststoffe entsorgen
  • Dokumentieren und
  • Evaluieren.

Ausführlich findet ihr unseren Ansatz hier beschrieben.

Nun steht Ostern vor der Tür und das ist meine Bilanz:

Weniger Müll durchs Plastikfasten

An unseren plastikfreien Tagen ist es uns gelungen, Müll zu reduzieren und Kunststoffe zu vermeiden. Gänzlich zero waste waren wir aber auch an diesen Tagen nicht unterwegs. Manchmal war es sogar sinnvoller, Plastikmüll in Kauf zu nehmen, um unterm Strich Ressourcen zu sparen. Beispielsweise bei der Plastikkappe für unseren Wassersprudler. Hier hätten wir den Einsatz um einen Tag verzögern können, aber durch den Sprudler fallen im Vergleich mit abgefülltem Wasser viel weniger Transport- und Verpackungskosten an, sodass wir uns dafür entschieden.

In anderen Bereichen war es erstaunlich einfach, auf Kunststoffe zu verzichten: Wir haben Spülmaschinentabs gekauft, die nur in einer Papiertüte verpackt sind. Müllbeutel für den Restmüll leeren wir einmal in die Tonne, solange sie nicht sehr verdreckt sind. Konsequentes Mülltrennen reduziert den „ekligen“ Müll sowieso. Kartoffeln und Zwiebeln kann ich auch lose kaufen. Dafür brauche ich keine Netze.

Bewussterer Einkauf

Insgesamt kaufe ich seither bewusster ein: Brauche ich das verpackte Produkt grade oder geht es auch anders? Als an einem Tag nur Salat in Plastikfolie zu haben war, kaufte ich stattdessen kurzerhand einen kleinen Kohlkopf. Fetasalat mit Kohl ist sicherlich ungewöhnlich, war aber erstaunlich lecker. Mein Kochen wurde dadurch insgesamt kreativer.

Der Einkauf von Käse oder Kuchen in mitgebrachten Gefäßen ging vor der Pandemie besser. Momentan ist das schwierig. Auf dem Markt achte ich sowieso darauf, einen Beutel dabei zu haben. Vieles kommt bei uns auch lose ins Transportfach des Kinderwagens. Der Einkauf bedarf, wie beim unverpackten Einkauf, mehr Planung. Oft klappt das, Spontankäufe sind komplizierter. Weil der Mensch aber ja ein Gewohnheitstier ist, kaufe ich oft dasselbe Produkt und weiß, was ich möchte.

Was es zu bedenken gilt: Bedürfnisse hin, Umweltfaktoren her

Um wirklich sinnvoll und nachhaltig zu handeln, musste ich beim Plastikfasten vieles gegeneinander abwägen: Fahre ich mit dem Auto zum Unverpacktladen und kaufe plastikfrei ein oder gehe ich zu Fuß zum Supermarkt und bekomme dort das einwegverpackte Produkt?

Manche Lebensmittel gibt es nur in Plastikverpackungen, wie Kartoffelchips. Und die möchte ich manchmal auch essen. Halt gerade nicht unbedingt an unserem plastikfreien Tag.

Bei anderen Produkten sind die Alternativen absurd teuer: Wenn der Kaffee im Pfandglas über 30€/kg kostet, entscheide ich mich doch für die einwegverpackte Fairtrade-Variante. Hinzu kommt, dass Glasgefäße eine schlechte Energiebilanz haben, wenn sie nur einmal verwendet werden. Dafür können sie aber vollständig recycelt werden. (Und werden das, anders als theoretisch recyclebare Kunststoffverpackungen, auch nahezu immer.) Der Energieverbrauch ist und bleibt ihre Schwachstelle, da ihr hohes Leergewicht sich auch beim Transport auswirkt.

Gute Erfahrungen machen wir mit Milch- und Milchprodukten in Pfandglasgefäßen. Uns schmecken sie einfach besser und durch das deutsche Pfandsystem sind die praktisch müllfrei und energiesparsam. Pflanzliche Alternativen gibt es bisher nur vereinzelt in Glas.

Für das Brot auf dem Markt nehme ich einen eigenen Brotbeutel mit, in dem das Brot dann auch gelagert werden kann. Statt mehrfach verpackte Taschentuchpäckchen kaufe ich eine Box aus Pappe. Stofftaschentücher sind zwar noch nachhaltiger, aber unter Hygienegesichtspunkten auch gewöhnungsbedürftig. Pandemiebedingt fühlen sie sich für mich aktuell nicht richtig an.

Auch im Kosmetikbereich finden wir mittlerweile massig kunststofffreie Alternativen: Duschseifen und Shampoobars kommen ohne Plastikverpackung aus. Bei flüssigen Produkten bezahlt man vor allem das Wasser und die Verpackung. Weil die festen Produkte aber so ergiebig sind, wirken sich Fehlkäufe stärker aus, denn auch bei festem Shampoo muss ich ausprobieren, was zu meinen Haaren oder meiner Haut passt.

Wenn es ums Bestellen oder Mitnehmen von Essen geht, bleibt eigentlich nur die Pizza, die in Pappe geliefert wird. Inzwischen sind zwar Einwegbesteck und Strohhalme aus Plastik oder Fastfood-Verpackungen aus Styropor verboten. In ökig aussehenden Papierverpackungen stecken aber häufig trotzdem Fluorverbindungen, die gesundheits- und umweltschädlich sind. Diese dienen als Beschichtung, weil sie wasser- und fettabweisend sind. Verpackungen aus Dänemark, wo diese Fluorverbindungen seit 2020 verboten sind, zeigen aber: es geht auch ohne!

Was bringt so ein plastikfreier Tag?

Diese Frage ist – ihr ahnt es schon – nicht so ohne Weiteres zu beantworten. Wenn ich ein Produkt in Papier verpackt kaufe und dann sehe, dass die Palette einmal komplett in Kunststoff eingeschweißt war, zweifle ich sehr an unserem Vorhaben. Gleichzeitig sehe ich, wie viel mehr ich in Pfandgefäßen kaufen kann als noch vor einem Jahr: Besonders Ketchup und Olivenöl aus der Pfandflasche haben es mir angetan.

Insgesamt waren wir erfolgreich: Trotz Pandemie und Kindern hat sich unser gelber Sack-Müll halbiert! Es fiel nicht nur an den plastikfreien Tagen kaum Müll an, unsere Müllmenge reduzierte sich insgesamt, weil das Projekt unser ganzes Einkaufsverhalten beeinflusste. Aller Anfang ist zwar schwer, aber nachdem wir uns auf den Weg gemacht hatten, ging vieles von ganz alleine.

Und die Zukunft?

Wir wollen weiter machen. Selbst wenn unser Beitrag ein kleiner ist, es ist ein Beitrag. Als Verbraucher:in trage ich mit meinen Kaufentscheidungen zur Marktentwicklung bei – obwohl ich mir gerade hier sinnvolles, politisches Handeln wünsche. Die größte Müllmenge fällt immerhin bei der Produktion an, hierauf habe ich als Verbraucher:in nur einen kleinen Einfluss.

Ein Aspekt, der für mich eine zusätzliche Rolle spielt, fand hier bisher noch keine Erwähnung: Kunststoffe schaden auch dem Menschen. Zuletzt wurde Mikroplastik in der Lunge nachgewiesen. Kleinste Teile der Kunststoffe (Monomere) gehen in die Lebensmittel über, weil sie oft fettlöslich sind. Dort wirken sie auf den Hormonhaushalt ein und können Krebserkrankungen verursachen. Die Motivation geht also über den Aspekt der Nachhaltigkeit hinaus. Wer sich für die Plastik-Auswirkungen auf Mensch und Umwelt interessiert, findet hier einen kompakten und informativen Beitrag.

Was ihr tun könnt:

Wer es richtig ambitioniert angehen will, schreibt ein Mülltagebuch. Wenige Tage genügen, um einen Überblick zu bekommen. Sonst hilft der gesunde Menschenverstand: Meidet Mehrfachverpackungen wie Kekse in Dreierstapeln in Plastikfolie verschweißt, die in einem Plastikschuber liegen, der wiederum in Folie umwickelt in einer Plastikbox liegt. Wählt Alternativen zu Einwegverpackungen, wenn Ihr dafür die Ressourcen habt.

Nicht jede:r hat das Geld oder die Einkaufsinfrastruktur, um Olivenöl in Pfandflaschen zu kaufen. Wenn das geht: super, wenn nicht, lohnt es sich die erreichbaren Produkte zu sichten: Kann ich beispielsweise auf Glas umsteigen oder auf ein Großgebinde, um unterm Strich Verpackung zu sparen?

Ein bisschen Kreativität schadet auch nicht: Man kann auch die Brottüten vom Discounter mehrmals benutzen – meine Frau lagert an ihrem Arbeitsplatz eine (von Krümeln befreite) Brötchentüte vom Supermarkt um die Ecke, mit der sie hin- und wieder völlig unökige Brötchen kauft, wenn der Arbeitstag länger wird als gedacht.

Anja

Mag Nachhaltigkeit, Reisen, Menschen und Kinder.

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