Unterschätzte Städte: Canterbury

Ein Blick von oben auf Canterbury mit viel Grün und den Türmen der Kathedrale
Foto: Jana Wekel

Canterbury, ist das nicht dieses kleine Städtchen mit der Kathedrale irgendwo da unten im Süden, in Kent? Das war so ziemlich alles, was ich über Canterbury wusste, bevor ich fürs Studium zwei Jahre dort hingezogen bin. Der Gedanke, in einer Kleinstadt zu wohnen, war für mich als Berlinerin schon komisch, aber Canterbury hat mich positiv überrascht.

Wie kommt man nach Canterbury?

Als ich das erste Mal mit dem Bus die zwei Stunden von London nach Canterbury gefahren bin, habe ich erstmal nicht viel von der Stadt gesehen außer ein paar generische Häuser und ein Stück der mittelalterlichen Stadtmauer. Ruckzuck war ich auch schon an der Bus Station angekommen, an der alle Linien halten. Von dort sind es nur ein paar Schritte bis zur zentralen Einkaufsstraße, der High Street. Sie führt vorbei an diversen pittoresken Gebäuden (dazu gleich mehr) bis zum Westgate, einem ehemaligen Stadttor.

Wenn wir das Westgate passieren und zwei Querstraßen weiter laufen würden, wären wir schon am Bahnhof angekommen, Canterbury West. Dort halten die Züge aus London St Pancras (Fahrtzeit mit dem schnellen, teureren Zug: eine Stunde). Und ja, es gibt auch einen Bahnhof Canterbury East, der liegt unterhalb der Bus Station (eigentlich im Südwesten der Stadt …).

Zwischen der Bus Station und Canterbury West liegt die ganze mittelalterliche Innenstadt, also der Teil von Canterbury, der für Tagestourist:innen interessant ist. Fußweg einmal quer durch: keine 15 Minuten.

Schöne alte Fassaden auf der High Street: The Beaney.

Eine kleine City

Dank der berühmten Kathedrale ist Canterbury zwar auf Englisch eine City, keine Town, aber es ist trotzdem eine kleine Stadt. Auf dem Stadtplan erkennt man noch heute gut, wo die mittelalterliche Mauer ein Oval um den Stadtkern gebildet hat, auch wenn der größte Teil der Mauer nicht mehr steht.

Immerhin: Dort, wo wir schon mit dem Bus vorbeigekommen sind, kann man noch oben drauf entlang laufen und auf die Dane John Gardens herabblicken, einen der größeren Parks – und man hat von dort einen schönen Blick über die Stadt (siehe das Titelfoto dieses Artikels).

Neubauten statt Dark Academia

Natürlich ist Canterbury größer als die Altstadt. In jede Richtung erstrecken sich mal mehr und mal weniger alte Häuser, auch den Hügel hinauf, auf dem der Haupt-Campus der University of Kent thront, an der ich studiert habe. Am anderen Ende der Stadt ist die zweite Universität, Canterbury Christ Church.

Wer jetzt „Universität in einer alten englischen Stadt“ hört und dark academia vibes erwartet: Sorry, damit kann Canterbury nicht dienen. Beide Universitäten sind Gründungen aus den 60ern. Obwohl ich es immer mochte, dass die University of Kent oben auf den Hügeln mitten im Grünen liegt, sind die Gebäude doch unspektakuläre sandsteinfarbene Neubauten. Aber auch ohne die vibes ist Canterbury ganz klar eine Universitätsstadt, die davon geprägt ist, dass sie in der Vorlesungszeit voller Studierender ist, den Sommer über aber nicht.

Eine Wiese mit Gänseblümchen vor einem NeubauQuelle: Jana Wekel
Nicht so alt, aber wenigstens schön grün: Die University of Kent.

Canterbury Cathedral: Das sehenswerte Highlight

Wenn schon keine schicke Uni, was gibt es in Canterbury dann zu sehen? Zunächst kommen wir natürlich nicht an der Kathedrale vorbei. Der große Turm (Bell Henry Tower) ist von weit weg zu sehen und gerade wenn ich mir mal den Zug nach London geleistet hatte, habe ich mich jedes Mal gefreut, in den grünen Hügeln von Kent die Kathedrale zu entdecken – fast wieder zu Hause.

Die Kathedrale wurde im Jahre 597 gegründet und mehrfach umgebaut. Die eindrucksvollen gotischen Elemente kamen nach einem Feuer im Jahr 1174 dazu. Die Kathedrale ist denkmalgeschützt und der Erzbischof von Canterbury ist das Oberhaupt der anglikanischen Church of England.

Randnotiz: Meine allererste Assoziation mit Canterbury waren die Canterbury Tales von Geoffrey Chaucer, aber die heißen nur so, weil sich Pilgernde unterwegs zu dieser Kathedrale und dem Schrein von Thomas Beckett Geschichten erzählen. Thomas Beckett war auch mal Erzbischof von Canterbury – bis er 1170 in der Kathedrale ermordet wurde.

Die Türme der Canterbury CathedralQuelle: Jana Wekel
Canterbury Cathedral – (fast) nicht zu übersehen.

Aber zurück zur Kathedrale. Das Gelände ist relativ groß und kostet Eintritt. Tipp: In der Regel findet kostenlos um 17:30 der Choral Evensong statt, ein kleiner Gottesdienst, bei dem der Chor der Kathedrale singt. Es lohnt sich aber meiner Meinung nach, den Eintritt zu bezahlen und sich die Kathedrale in Ruhe anzuschauen, zum Beispiel auch die Wappen an der Decke des großen Kreuzgangs.

Der Eingang ist durch das Christchurch Gate, von einem kleinen Platz nordwestlich der High Street. Das Gelände ist übrigens so angelegt, dass man den Turm der Kathedrale tatsächlich nicht hinter den Häusern sieht, wenn man direkt auf diesem Platz steht. Das kann dazu führen, dass man verwirrten Tourist:innen erklären muss, „No, you’re not lost, the Cathedral is right there!

Was gibt es noch zu sehen in Canterbury?

Neben der Kathedrale hat Canterbury auch andere Sehenswürdigkeiten. Das schon erwähnte Westgate war früher das Gefängnis der Stadt. Es hat einen Turm mit Museum (alte Rüstungen!) und Aussicht, daneben den vielleicht schönsten Park in Canterbury, die Westgate Gardens. Dort kann man schön am Fluss entlangspazieren – ansonsten merkt man übrigens nicht viel von diesem Fluss, der Stour.

Es gibt ein Theater, das Marlowe (nach Christopher Marlowe, der aus Canterbury stammte) und noch ein paar andere Museen, zum Beispiel The Beaney House of Art & Knowledge. Ein altes Haus aus dem 19. Jahrhundert direkt auf der High Street, das unter anderem eine Kuriositätensammlung beherbergt. Schon alleine deswegen einen Besuch wert.

Schwarz-weiße Fachwerkhäuser aus dem Jahr 1500Quelle: Jana Wekel
Die historischen Webstuben an der High Street,

Überhaupt ist der Raum innerhalb der alten Stadtmauern gut erhalten  und kann mit so manch schöner alter Fassade auftrumpfen, zum Beispiel auch die Fachwerkhäuser der historischen Webstuben von geflüchteten Hugenotten.

Für Autos ist die Innenstadt gesperrt (außer Lieferverkehr) und littering, also Müll fallen lassen, wird mit strengen Bußgeldern geahndet. Das bedeutet auch, dass weder die Luft noch die Straßen in der Innenstadt verschmutzt sind. Ich bin öfter auf dem Rückweg von der Uni auf dem Hügel mit dem Bus etwas länger gefahren, um dann den schönen „szenischen“ Weg durch die Innenstadt an den ganzen alten Gebäuden vorbei laufen zu können.

Weiter mit den Sehenswürdigkeiten – oder auch nicht. Auf der Karte ist ein Canterbury Castle verzeichnet, aber von diesem erhabenen Namen dürft ihr euch nicht zu viel versprechen: Heute steht da kaum mehr als ein Fundament und die Überreste einer Mauer. Nur noch Ruinen stehen auch von der St. Augustine’s Abbey aus dem 6. Jahrhundert.

Etwas verschwommen, aber szenisch: Die Innenstadt bei nachts, wenn die Tourist:innen weg sind.

In Canterbury leben

So viel zu den Sehenswürdigkeiten und Tipps für Tagestourist:innen. Aber wie war es jetzt, in Canterbury zu leben? Klar, da ist nicht so viel los wie in London oder irgendeiner Großstadt. Aber gerade im Semester gibt es regelmäßig Lesungen und andere kulturelle Events, und neben dem Marlowe Theatre natürlich auch mehrere Kinos. Clubs gibt es auch einige, wobei man schnell lernt, welche regelmäßig voller betrunkener undergraduates sind und welche nicht.

Ich habe wirklich gerne in Canterbury gewohnt. Immer, wenn ich einen Tagestrip nach London gemacht habe, war ich irgendwie froh, am Abend aus dem Bus zu steigen an einem Ort, wo man nicht nur Abgase einatmet und die Menschen nicht alle so hektisch sind. An besonders sonnigen Tagen sind wir übrigens nicht nach London gefahren, sondern mit dem Bus ans Meer: Besonders nah ist Whitstable (20 Minuten), aber auch die Kreidefelsen bei Dover oder Broadstairs sind nicht weit weg.

Für alle was dabei: Gastronomie

In meiner Zeit in Canterbury habe ich mich durch einige Restaurants, Cafés und Pubs probiert, viele davon keine Ketten, sondern klein und inhaber:innengeführt. Die Ketten gibt es natürlich auch (der Prêt à Manger ist in einem wunderschönen Fachwerkhaus dort auf der High Street, wo die Straße zur Kathedrale abzweigt), aber es gibt in und um die Innenstadt herum etwas für jeden Geschmack und jedes Budget – hier merkt man wieder die Uni-Stadt, auch wenn Kent insgesamt teurer ist als zum Beispiel Liverpool, meine Lieblingsstadt in Großbritannien.

Ein paar persönliche Favoriten (von 2016, aber laut Google immer noch da und beliebt):

  • The Refectory Kitchen (großartiger Kaffee)
  • The Dolphin (damals mein ‚local‘ Pub)
  • The Unicorn Inn (so authentisch alt und Englisch wie ein Pub nur sein kann)
  • Eleto Chocolate Café (Pralinen!)
  • Tiny Tim’s Tea Room (für den English High Tea)
Fachwerkhäuser entlang des River StourQuelle: Jana Wekel
Ein Spaziergang durch Westgate Gardens.

Ein Blick zurück

Als Berlinerin war ich am Ende natürlich irgendwie froh, wieder nach Hause in die Großstadt zu kommen, aber es ist jetzt sechs Jahre her, dass ich in Canterbury gelebt habe, und ich muss sagen: Die Stadt fehlt mir manchmal. Neben den tollen Pubs und den tollen Leuten, die ich dort kennengelernt habe, und der Nähe zum Meer, ist es rückblickend vor allem ein Aspekt, den ich vermisse: Ich habe relativ zentral gewohnt und so gut wie alles (bis auf die Uni) war in etwa zehn Minuten zu Fuß erreichbar. Wenn ich von hier, wo ich in Berlin wohne, zehn Minuten zu Fuß laufe, bin ich gerade mal bei der S-Bahn, mit der ich dann noch eine Weile fahren muss, bis ich irgendwo bin, wo irgendwas los ist. Diese walkability spricht wirklich für die kleine(re) Stadt.

Will sagen: Canterbury ist eine schöne, entspannte Stadt, in der ihr euch eine beeindruckende Kathedrale anschauen und gut essen könnt – wenn das nicht zumindest einen Tagestrip von London lohnt, dann weiß ich auch nicht mehr.

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