Walkability: Die Stadt der Zukunft liegt in Laufnähe

Menschen spazieren durch den herbstlichen Mauerpark an einer Wand mit Graffiti vorbei.
Foto: Jana Wekel

Was wäre eigentlich, wenn wir in der Stadt nicht das Auto priorisieren würden? Man denkt sofort an mehr Radwege und besseren ÖPNV und all das ist richtig und wichtig. Aber eigentlich muss Stadtplanung von der walkability her gedacht werden: Die Stadt muss vor allem zu Fuß gut funktionieren.

Dass Menschen zu Fuß gehen, ist nicht gerade eine bahnbrechende Erkenntnis. Dennoch war und ist die Stadtplanung seit den 1950ern in erster Linie vom Auto dominiert. Dagegen stellte sich bereits die Journalistin Jane Jacobs in ihrem Buch The Death and Life of Great American Cities, das 1961 erschien. Sie wollte weg von Entwicklungsprojekten, die Autobahnen durch die Innenstädte frästen. Stattdessen stellte sie zum Beispiel heraus, dass belebte Bürgersteige eine wesentliche positive Rolle für das Sicherheitsgefühl einer Stadt und auch für die Interaktionen der unterschiedlichen Bewohner:innen spielen.

Mehrere Backsteinhäuser, darüber blauer Himmel, davor Fahrräder. Keine Autos.Quelle: Jana Wekel
Die Niederlande setzen schon länger auf das Rad.

Walkability in der 15-Minuten-Stadt

Jacobs’ Ideen führten zum Konzept der walkability, das heutzutage immer häufiger zu hören ist. Mit walkability, also der ‚Laufbarkeit‘ einer Stadt, ist die Frage gemeint, wie gut man sich in einer Stadt zu Fuß fortbewegen kann. Während wir in Altbauvierteln noch sehen, dass Städte früher darauf ausgelegt waren, dass alles nah beieinander war, hat das Auto die Stadtplanung radikal davon abgebracht.

Besser werden soll das mit der 15-Minuten-Stadt, den Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin von Paris, als Basis für ihren Umbau der Stadt bekannt gemacht hat. Das Konzept des Wissenschaftlers Carlos Moreno besagt, dass in der Stadt folgende sechs Funktionen innerhalb eines 15-minütigen Weges zu Fuß oder mit dem Rad erreicht werden sollen:

  1. Leben
  2. Arbeiten
  3. Versorgung
  4. Gesundheit
  5. Bildung
  6. und Unterhaltung

In jedem Viertel soll es also Einzelhandel, Ärzt:innenhäuser, Schulen und Erholungsorte geben.

Das Konzept wird auch außerhalb von Paris immer beliebter. Die Stadt Utrecht setzt sogar auf eine 10-Minuten-Stadt. Wichtig ist dabei, nicht nur die Radwege auszubauen, sondern eben auch die Bürgersteige. Schließlich wollen – oder können – nicht alle Menschen Rad fahren. Die 15-Minuten-Stadt funktioniert nur, wenn sie Barrierefreiheit ins Zentrum aller Planung rückt.

Zwei weiße Bänke umgeben von grünen Bäumen und Sträuchern. Im Hintergrund mehrgeschossige Altbauten.Quelle: Jana Wekel
Auch Orte zum Ausruhen dürfen nicht zu kurz kommen.

Lebensqualität durch kurze Wege

Der Fokus auf 15 Minuten bedeutet natürlich nicht, dass sich niemand mehr jenseits dieses Radius bewegen soll. Aber das Konzept bringt einen radikalen Shift weg von den langen Wegen, die wir in der Stadt oft als gegeben ansehen.i

Kürzere Wege sparen nicht nur Zeit, sie fördern auch die communities in den jeweiligen Vierteln, weil mehr vor Ort erledigt werden kann. Befürworter:innen einer Walkable City versprechen sich außerdem, dass sich Menschen wieder mehr bewegen, wenn der Arbeitsweg mit dem Fahrrad 10 Minuten dauern würde statt 60 oder wenn man zum Kino oder in einen großen Park laufen kann, anstelle das Auto zu nehmen.

Weniger Autos bedeuten weniger CO2, weniger Abgase und weniger Lärm – alles wesentliche Punkte, die eine Stadt lebenswerter machen. Überhaupt ist Lebensqualität das, worauf walkability vor allem abzielt. In seinem Buch Walkable City: How Downtown Can Save America aus dem Jahr 2012 plädiert Jeff Speck zum Beispiel nicht nur für weniger Autos und sicherere Gehwege, sondern auch dafür, mehr Bäume zu pflanzen und die Fassaden von Gebäuden abwechslungsreich zu gestalten.

Wenn wir also unsere Städte so (um-)bauen, dass niemand mehr auf das Auto angewiesen ist, dann bedeutet das keinen Verzicht, sondern einen Gewinn für alle.

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