Was ist eigentlich… eine essbare Stadt?

Eine kleine Dose mit roten und weißen Johannisbeeren steht auf einem Schild mit der Aufschrift "Obst für alle"
Das lass ich mir nicht zweimal sagen und nasche in paar Johannisbeeren!

Essbare Stadt –  was nach einem märchenhaften Mash-up zwischen Schlaraffenland und einer urbanisierten Vervielfältigung des Hexenhäuschens aus „Hänsel und Gretel“ klingt, ist der neue heiße Scheiß in der Stadtplanung. Dahinter stecken Projekte, um im urbanen Raum Lebensmittel zu produzieren.

Was macht eine Stadt „essbar“?

„Essbare Städte“ schießen wie Pilze aus dem Boden und bestehen doch weiterhin hauptsächlich aus gänzlich ungenießbarem Asphalt und Beton. „Essbar“ werden sie, indem dort Obst, Gemüse oder Nüsse im öffentlichen Raum wachsen, die von jedem geerntet werden können. Jeder Apfelbaum im Park ist also schon ein Schritt in Richtung „essbare Stadt“.

Dabei gibt es zwei Modelle: Es werden geeignete Pflanzen in Parks, auf Spielplätzen und sonstigen Grünflächen gepflanzt, die von der Öffentlichkeit beerntet werden dürfen. In dem Fall entfällt die Trennung von Lebensmittelproduktion und Distribution: Die Lebensmittel werden direkt an Ort und Stelle ihrer Produktion in der Stadt vom Konsument:innen selbst geerntet.

Im zweiten Modell werden der Öffentlichkeit Flächen zur selbständigen Bepflanzung zur Verfügung gestellt. In dem Fall entfällt die Trennung von Produzent:in und Konsument:in. Wie im eigenen Gemüsegarten werden die Lebensmittel konsumiert, die man selbst angepflanzt hat. Hier gibt es Überschneidungen zum urban gardening und zu Grünpatenschaften.

Die Grenze zwischen essbarer Stadt und einzelnen Privatinitiativen ist nicht klar definiert, sie verläuft irgendwo dort, wo die Idee viele Bürger:innen begeistert und die Städte oder Kommunen Flächen zur Verfügung stellen oder sogar pflegen.

Die Projekte sind dabei nicht auf den Anbau von Obst- und Gemüsepflanzen begrenzt, zum Teil kommen Konzepte zur Nutztierhaltung (Bienen, Hühner… ) dazu. Außerdem werden die Angebote teilweise durch Führungen, Seminare, gemeinsame Verköstigungen und ähnliche gemeinschaftsstiftenden Aktionen angereichert.

Ein Beerenbusch mit violetten Früchten, daneben ein Schild das informiert: Apfelbeere (Aronia melanocarpa) Erntezeit: ab August.Quelle: Christina Grevenbrock
Schade, die Apfelbeeren brauchen noch ein bisschen. Diese essbare Stadt hat hilfreiche Schilder mit Erntezeiträumen aufgestellt.

Warum macht man Städte essbar?

Tatsächlich handelt es sich um ein stadtplanerisches Prinzip, das Selbstversorgung, Biodiversität und soziale Effekte fördert. Bis vor wenigen Jahren waren die Wege der Lebensmittelproduktion klar: Auf dem Land wird die Nahrung produziert und über Lieferketten in die Städte gebracht. Diese Trennung von Lebensmittelproduktion und Konsum stellen immer mehr Initiativen in Frage. Lange Lieferketten, riesige Agrarunternehmen auf dem platten Land und die Entfremdung weiter Teile der Bevölkerung von der Entstehung ihrer Lebensgrundlage scheinen in Zeiten der globaler Krisen nicht mehr nachhaltig.

Essbare Städte sind eine Methode, die Lebensmittelproduktion mitten in die Städte zu holen und sie so resilienter und unabhängiger gegenüber den Auswirkungen der Klimakrise zu machen. Gleichzeitig befördert das gemeinsame Gärtnern, Ernten und Essen die Bildung eng verwobener Gemeinschaften und den Austausch zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Gemeinsame Arbeit verbindet, in Workshops und Führungen wird Wissen vermittelt, um breitere Bevölkerungsschichten zu befähigen, etwas nachhaltiger und unabhängiger einen Teil ihres Obstes und Gemüses anzubauen.

Woher stammt die Idee einer essbaren Stadt?

Den Begriff „essbare Stadt“ bzw. „edible city“ haben Pam Warhurst und Mary Clear 2008 für das britische Städtchen Todmorden entwickelt. Die Idee, die ursprünglich unter dem Schlagwort „incredible edible“ beworben wurde, schlug schnell Wellen. Toronto zog noch 2008 nach. Die erste deutsche Stadt, die sich der Bewegung anschloss, war 2009 Kassel. Seitdem steigt die Zahl der sich essbar nennenden Städte kontinuierlich.

Der Gedanke von gemeinschaftlich nutzbarem Gut ist aber nicht ganz neu. Er erinnert an die im Mittelalter weit verbreitete Allmende, also ein Gemeindevermögen, das von allen Gemeindemitgliedern genutzt werden kann.

Eine Kinderhand streckt sich nach blühendem Schnittlauch im Vordergrund. Zwischen den Stängeln ist Sauerampfer und Mangold zu erkennen.Quelle: Christina Grevenbrock
Ernten macht Spaß! Ob Schnittlauch für die Kräuterbutter oder Mangold für den Eintopf: Gemeinsam zu kochen und zu arbeiten stärkt Gemeinschaften.

Wo finde ich essbare Städte?

Im Podcast: Karsten Winnemuth vom Verein „Essbare Stadt Kassel“ erklärt im Podcast von Kassel denkt weiter die Idee hinter dem Projekt und stellt die verschiedenen Teilprojekte vor. Ina Säumel thematisiert bei Edition Zukunft auch die historische und gesellschaftliche Dimension von essbaren Städten.

Im Buch: Geh raus! Deine Stadt ist essbar liefert zahlreiche Rezepte, Hintergrundinformationen und Tipps um selbst Projekte zu starten.

In echt: Eine Vorreiterrolle haben in Deutschland die essbaren Städte Kassel und Andernach. Die Initiative essbares Darmstadt hat eine tolle Website mit vielen Anregungen. International stechen die erste „edible city“ Todmorden und Toronto hervor. Shanghai überzeugt mit einem ambitionierten Konzept.

Bei uns: Wir berichten regelmäßig zum Thema foraging, also das (erlaubte) Ernten auf den Grünflächen der Stadt.

Christina

Mag Kunst, Gemüse und Nachhaltigkeit.

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