Return of the Neon Demon: Die Faszination der Neon-Ästhetik

Neonbeleuchtete Strasse in einer asiatischen Großstadt
Foto: Unsplash/ thinh nguyen

Sie sind grell, ein bisschen trashig und nicht totzukriegen: Neonlichter glitzern in Großstädten rund um den Globus, sie verleihen dem Cyberpunk-Genre sein dystopisches 80er-Jahre-Flair und sie leuchten als verhashtaggte „Neon Aesthetic“ im Internet. Warum fasziniert uns ein vor über 100 Jahren erfundenes Leuchtmittel noch immer?

Die Lichter der Großstadt

Neon ist überall: An der Imbisstür im bundesdeutschen Bahnhofsviertel leuchtet ein blau-rotes „Open“-Schild. Am Times Square in New York, auf dem Strip in Las Vegas und auf der Hamburger Reeperbahn locken die Leuchtreklamen und im Internet kann man personalisierte Neonschriftzüge fürs eigene Wohnzimmer kaufen. Der Hashtag #neon produziert bei Instagram 17 Millionen Ergebnisse und auch Etsy und Pinterest sind voll von allen erdenklichen Gegenständen in #neonaesthetic.

Während die Glühbirne (heutzutage natürlich in der LED-Version) mit ihrem warmen Licht eher im Inneren von Häusern und Wohnungen zu finden ist, ziehen uns die Neonlichter nach draußen. Wohl kaum etwas steht so sehr für die menschengemachte weite Welt, den „Urban Jungle“ der Großstadt, wie blinkende Neon-Werbeschilder. Neon signalisiert das maximal Urbane: Das Vergnügungsviertel, den Jahrmarkt, den Durchgangsraum am Bahnhof, wo man schnell einen Döner oder ein Kiosk-Bier kauft. Heterotopien oder liminal spaces abseits des bürgerlichen Alltags. Orte, an denen niemand zu Hause ist, die die Menschen aber dennoch in ihren Bann ziehen.

neonbeleuchtetes Kettenkarrussel auf dem Hanburger DomQuelle: Martina John
Neon ist auch die Farbe der Heterotopien, der karnevalesken Gegenorte wie dem Jahrmarkt.

Was ist eigentlich Neon?

Chemisch gesehen ist Neon ein Edelgas. Das mit Ne abgekürzte Element wurde 1898 von William Ramsay und Morris Travers entdeckt, der Name kommt aus dem Griechischen und bedeutet „neu“. Auf die Idee, das Edelgas in einer Glasröhre durch hohe Spannung zum Leuchten zu bringen, kam dann 1909 der Franzose George Claude. Er meldete das Patent 1915 in den USA an. Diese Original-Neonröhren leuchteten noch Orangerot – die bunten Farben werden durch die Zugabe von Leuchtstoffen oder anderen Gasen erzeugt.

Ihren Durchbruch feierte die bunte Neonbeleuchtung nicht in Frankreich, sondern in den USA. Schon in den 1920er und 1930er Jahren begannen amerikanische Großstädte zu leuchten. Mit der Explosion von Konsum, Werbeindustrie und Popkultur nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich die grellbunte Beleuchtung dann endgültig im ganzen Land etabliert. 1965 bezeichnete der Autor Tom Wolfe Las Vegas als „the only city in the world whose skyline is made neither of buildings, like New York, nor trees […], but signs. One can look at Las Vegas from a mile away on route 91 and see no buildings, only signs“.

Ansicht des Strip in Las Vegas mit Neonbeleuchtung und leuchtendem StrassenschildQuelle: Martina John
Der Strip von Las Vegas – die Stadt, die fast nur aus Werbung besteht.

Konzeptkunst und Cyberpunk

Ab den 1960er Jahren war Neonlicht als flackernd-buntes Wappenzeichen der kapitalistischen Konsumkultur so etabliert, dass auch bildende Künstler:innen begannen, sich mit Neonröhren auseinanderzusetzen. Bekannt sind zum Beispiel die Neon-Installationen von Bruce Nauman, Joseph Kosuth oder Mario Merz – mit leuchtender Neonschrift integrieren sie die Ästhetik von Trash und Werbung in die Hochkultur.

Nach einem Rückgang des Neontrends in den krisengeplagten 70er Jahren hatte die Neon-Ästhetik in den 1980ern, dem Jahrzehnt von Synthpop, Big Hair und Maximalkonsum dann ihre große Zeit. Kein Wunde, dass unsere Vorstellung einer typischen Cyberpunk-Metropolis (auch so ein 80er-Jahre-Genre – „Neuromancer“ erschien 1984) noch immer neon-bunt ist. Inspiriert wurde dieses Bild der Neonstadt nicht nur von Las Vegas und New York City, sondern auch von Tokyo, Bangkok, Singapur und anderen Großstädten des asiatischen Raums, in denen Neonreklame zum archetypischen Teil des Stadtbildes geworden ist.

In der Realität des 21. Jahrhunderts werden die klassischen Leuchtstoffröhren dagegen häufig durch energiesparende LED-Lampen ersetzt, die zudem den Vorteil haben, dass sie weniger flackern.

Bunte Neonschrift bewirbt die NBC-Studios am Rockefeller Center in New YorkQuelle: Martina John
Fast heimelig retro wirkt diese Neon-Beschriftung am Rockefeller Center in NYC.

Leider geil: Neon-Ästhetik heute

Von der Imbisstür in die Hochkultur und zurück – offenbar verbindet uns weiterhin eine Art kultureller Hassliebe mit Neonlichtern. So menschenfeindlich und technokratisch die leuchtenden Röhren wirken können, irgendwie sind sie trotzdem schick genug, dass sich auch das cozy Café von nebenan ein dekoratives Motto in Neon auf die Ziegelwand montiert.

Das Bild, das Neonlicht von der Großstadt zeichnet, ist maximal künstlich. Naturferne Lichtverschmutzung, die zu schnellem, billigen Konsum verführt und Orte kennzeichnet, an denen alles beworben wird und käuflich zu haben ist. Eines der bekanntesten Neonschilder ist nicht ohne Grund das „Girls Girls Girls“ von Stripclubs. Vielleicht ist das Neonlicht ja wie die Signalfarben einer Wespe oder eines Pfeilgiftfroschs. Irgendwie zieht es uns magisch an, aber gleichzeitig markiert es auch eine Gefahr. Quasi gleichzeitig Lockruf und Warnung für den hedonistischen Spätkapitalismus.

Und dann trägt es natürlich auch einen Nostalgiefaktor in sich: Wie so viele Elemente aus der Popkultur des späten 20. Jahrhundert erinnert auch die neonbeleuchtete Cyberpunk-City an die Zukunftsvorstellungen einer vergangenen Ära, in der Computer noch graue Kästen voller Kabel waren und die Dystopie keine blankpolierten Oberflächen hatte.

Ob wir im Jahr 2022 wirklich in einer dystopischen Cyberpunk-Zukunft leben, steht natürlich zur Diskussion. Wenn ja, dann ist ihr Markenzeichen aber vermutlich nicht flackerndes Neonlicht, das sich in Pfützen spiegelt, sondern der schwarze Spiegel unserer Smartphones.

Wo finde ich Neon-Ästhetik?

  • in Nightlife- und Vergnügungsvierteln rund um den Planeten
  • Im „Neon Museum“ in der Wüste vor Las Vegas und dem „Museum of Neon Art“ in Kalifornien
  • In Filmen von Nicolas Winding Refn wie „Drive“ oder „Neon Demon“
  • In Cyberpunk-Medien wie „Cyberpunk 2077“, „Neuromancer“ „Akira“ oder „Shadowrun“
  • In Internet-Ästhetiken wie „Glow Wave“ „Arcadecore“oder „Vaporwave“

Martina

Mag Architektur, Tiere und Internetkultur

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.